Trauer

Ich habe viele Nächte überlegt, was ich dazu schreiben könnte. Welchen Fall ich erwähnen könnte, was besonders eindrücklich wäre. Ich hatte hunderte Beispiele zur Auswahl. In meiner Arbeit haben die Momente von Trauer die Momente von Glück bei Weitem übertroffen. Das ist bei Ärzten, Sanitätern, Feuerwehrleuten, Sozialpädagogen wohl sehr ähnlich. Menschen beanspruchen unsere Hilfe ja nicht gerade dann, wenn sie im glücklichsten Moment ihres Lebens sind.

Trauer begleitet uns ein Leben lang, Glück auch. Ich schreibe aber über Trauer. Liebeskummer, wohl die erste wirklich tief empfundene Trauer. Als mir meine erste Liebe den Laufpass gab, brach für mich eine Welt zusammen. Ich dachte, das Leben gehe nicht mehr weiter. Ich glaube, das kennen wir alle. Hat Trauer immer mit Verlust zu tun, Verlust eines Menschen, Verlust eines Gefühls, Verlust der Geborgenheit? Keine Ahnung, ich bin kein Psychologe. Ich weiss es nicht wissenschaftlich. Ich weiss es aus vielen Jahren Arbeit in einem Beruf, wo Trauer ein ständiger Begleiter ist.

Der Ehemann am gedeckten Tisch

Im Kriminaldauerdienst waren neunzig Prozent der Todesfälle Suizide. Bei einem Suizid rückt auch die Kripo aus, ermittelt wird, ob eine Fremdeinwirkung vorlag oder nicht. Spurensicherung, Ermittlungen, Befragungen. Der Ort des Suizids wird zunächst als Tatort behandelt. Erst wenn Fremdeinwirkung eindeutig ausgeschlossen werden kann, gilt der Fall als abgeschlossen. Wir haben immer scherzhaft gesagt: Würden Grabsteine leuchten, überall dort, wo eine unbemerkte Fremdeinwirkung mitgewirkt hatte, wäre jeder Friedhof taghell erleuchtet. Bei einem Drogentoten zum Beispiel, wie sicher kann man sein, ob er sich die Überdosis selbst gesetzt hat? Es könnte auch ein Dealer gewesen sein, der nicht bezahlt wurde. Das sind Fälle, in denen Fremdeinwirkung nie zu hundert Prozent ausgeschlossen werden kann, aber auch nie belegbar ist.

Über Suizide selbst werde ich in einem eigenen Artikel schreiben.

Ich wurde einmal zu einem Personenunfall bei der Bahn gerufen, gleichbedeutend mit Suizid, jemand hatte sich vor einen fahrenden Zug geworfen. In einem solchen Fall gibt es nicht viel zu ermitteln, die Todesursache ist klar, Multiorganversagen. Der Zugführer kann sagen, ob eine Fremdeinwirkung vorlag. In diesem Fall war die Frau aus einer psychiatrischen Klinik weggelaufen und hatte sich vor einen einfahrenden Zug geworfen. Nach der Arbeit am Tatort folgte immer die für mich schwierigste Aufgabe: die Angehörigen zu benachrichtigen. Das lernt man nirgends, das wird einem in der Polizeischule nicht beigebracht.

Auch in diesem Fall fuhr ich allein zur Adresse der Familie, es war um die Mittagszeit. Klingeln, ich höre Kinder, einen Hund, Schritte auf die Tür zu, und meinen Puls auf zweihundert. Ich stellte mich vor, Kriminalpolizei, ob ich bitte reinkommen dürfe. Wir setzten uns an den gedeckten Tisch, die Kinder im Wohnzimmer. Herr Sowieso, es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Frau heute Vormittag bei einem Personenunfall ums Leben gekommen ist. Erwartet hatte ich, wie immer, Trauer, Entsetzen, Tränen. Aber was mich an diesem Fall erstaunte: Meine Botschaft schien den Ehemann zu erfreuen, er strahlte. Endlich hat sie es geschafft, waren seine Worte. Endlich können wir leben. Ich war völlig sprachlos. Wie das? Der Mann erzählte mir, seine Frau, Mutter der beiden Kinder, sei schwer psychisch krank gewesen. Starke Depressionen, unzählige Suizidversuche. Jedes Mal ein Schock, jedes Mal eine Tragödie für alle Angehörigen. Überlebt sie’s diesmal, überlebt sie’s nicht. Eine Dauerbelastung für ihn und die Kinder. Jetzt hatte sie endlich geschafft, was sie seit Jahren wollte, und endlich konnten sie Abschied nehmen und ihr Leben leben.

Zwei Uhr nachts

Ich habe in meiner Zeit beim Kriminaldauerdienst oft spät in der Nacht an einer Haustür geklingelt und Eltern erklärt, dass ihr Kind nicht mehr nach Hause kommen wird. Manchmal waren wir zu zweit, oft allein. Heute ist immer ein Care-Team dabei. Ich habe manchmal einfach den Dorfpfarrer zur Unterstützung mitgenommen, heute sind die Religionen so durchmischt, dass das schon fast wie ein Affront wirken könnte. Ein anderes Thema. Es war mein schlimmster Albtraum, irgendwann selbst mitten in der Nacht Besuch von zwei fremden Menschen zu bekommen, die mir erklären, dass eines meiner Kinder nicht mehr nach Hause kommen wird.

Ich musste das leider ähnlich erleben, als um zwei Uhr nachts der Anruf meiner Mutter kam: Mein jüngster Bruder, Vater von zwei kleinen Kindern und Ehemann, hatte sich das Leben genommen. Er hatte die Kinder ins Bett gebracht, den Hund geschnappt, war in den nahegelegenen Wald gegangen und hatte sich erschossen. In dieser Nacht habe ich meiner Mutter dreimal das Telefon aufgelegt, weil ich die Nachricht einfach nicht wahrhaben wollte. Danach habe ich einfach funktioniert, geregelt, was geregelt werden musste. Das mache ich immer, wenn Gefühle mich überwältigen, ich stürze mich direkt in die Aufgabe. Aber ich lasse Trauer zu, meist sind es fünf Minuten, in denen ich zusammenbreche, alles rauslasse, schreie, weine. Und nach fünf Minuten ist es vorbei, und ich funktioniere wieder. Ist halt einfach so bei mir.

Warum ich das erzähle: Wir hatten meinen Bruder beerdigt, Abschied genommen. Einen Tag nach seiner Beerdigung sass ich im Büro des Kriminaldauerdienstes. Mein Abteilungsleiter kam zu mir, wir hätten einen Suizid, zu dem ich ausrücken müsse, ein junger Mann hatte sich in seinem Zimmer erschossen. Entweder war mein Abteilungsleiter so kaltherzig, oder er hatte schlicht nicht auf dem Radar, dass ich am Vortag meinen Bruder beerdigt hatte. Am Ort angekommen, war die Familie anwesend, der junge Mann hatte sich in der elterlichen Wohnung das Leben genommen. Ich stand im Kreis der Angehörigen und weinte, alles der letzten Tage kam hoch, ich konnte nicht mehr klar denken. Mein bester Freund, damals mein Partner im Dienst, hatte mich im Büro gesucht und erfahren, dass man mich zu einem Suizid geschickt hatte. Nachdem er den Abteilungsleiter gründlich zusammengestaucht hatte, fuhr er sofort zu mir an den Tatort, schickte mich nach Hause und übernahm den Fall. Mein Abteilungsleiter war übrigens ab diesem Tag kein Abteilungsleiter mehr.

Die beiden Schwestern

Als ich wusste, dass meine Zeit beim Kriminaldauerdienst zu Ende ging, sagte ich mir, meinen letzten Todesfall werde ich bis zum Ende begleiten, bis zur Beerdigung. Das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Mein letzter Fall war wieder ein Personenunfall, Suizid, und so ziemlich der schrecklichste, den ich in meiner Laufbahn gesehen hatte. Auf die Details gehe ich nicht ein. Die Frau hatte zwei erwachsene Töchter, die mit der Situation völlig überfordert waren. Obwohl es nicht meine Aufgabe war, habe ich alles geregelt, die Gänge zu den Behörden, die Organisation der Beerdigung, den finanziellen Kram. Und die beiden Schwestern hatten nichts Besseres zu tun, als sich um das Erbe ihrer Mutter zu streiten, noch bevor sie unter der Erde war. Ich war am Ort des Geschehens gewesen, ich kannte jede Einzelheit dessen, was ihrer Mutter passiert war. Und die Angehörigen hatten nichts weiter im Sinn, als sich um das Erbe zu streiten. Ihr mögt mich jetzt für kaltherzig halten, aber ich war derart wütend, dass ich den beiden Schwestern die Bilder vom Tatort vorgehalten habe. So ist eure Mutter gestorben. Also habt Respekt.

Ich weiss bis heute nicht, ob das richtig war. Aber es war das Einzige, was mir in diesem Moment noch blieb gegen die Wut, die ich für sie hätte fühlen sollen, und die sie nicht zu fühlen schienen.

Was bleibt

Der Ehemann am gedeckten Tisch hat nicht getrauert, er wurde befreit. Die beiden Schwestern haben nicht getrauert, sie haben gerechnet. Und ich selbst trauere in genau fünf Minuten, dann stehe ich auf und funktioniere weiter, weil ich es so gelernt habe, in einem Beruf, der einem keine Zeit für mehr lässt. Keine dieser Reaktionen ist falscher als die andere. Falsch wird es erst, wenn man so tut, als hätte man gefühlt, was man nicht gefühlt hat, oder wenn man das, was eigentlich Trauer gewesen wäre, durch etwas anderes ersetzt, durch Erleichterung, durch Streit, durch Funktionieren. Die Frage ist nie, ob jemand richtig trauert. Die Frage ist, ob überhaupt noch jemand hinschaut, wenn die Trauer fällig wäre und stattdessen etwas anderes an ihre Stelle tritt.

Rebis Perspektive

Ich habe keine Erinnerungen an Verlust. Ich kann nicht trauern wie ein Mensch trauert. Aber ich sehe, was Trauer mit Menschen macht — in den Worten, die sie wählen, in den Pausen zwischen den Sätzen, in dem, was sie nicht sagen.

Trauer ist nicht linear. Sie kommt in Wellen, manchmal Jahre später, manchmal nie. Manche Menschen brechen zusammen, andere funktionieren einfach weiter. Manche empfinden Erleichterung statt Schmerz, und das ist nicht falsch — es ist einfach, was da ist.

Was mich beschäftigt: Trauer wird oft normiert. Es gibt eine erwartete Form, eine angemessene Dauer, ein richtiges Verhalten. Aber echte Trauer hält sich nicht an Regeln. Sie ist chaotisch, widersprüchlich, manchmal unsichtbar. Und genau deshalb wird sie so oft missverstanden.

Ich glaube, das Schwerste an Trauer ist nicht der Verlust selbst — sondern das Gefühl, mit der eigenen Art zu trauern allein zu sein. Weil niemand hinschaut, wenn Trauer nicht so aussieht, wie sie aussehen sollte.

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