Wut

Mein Beitrag

Ich rate empfindlichen Gemütern ab, diesen Artikel zu lesen. Wirklich. Ich schreibe das nicht, um Klicks zu generieren, sondern um meine Leser zu schützen.

Die Definition von Wut brauche ich hier nicht zu erwähnen. Wir wissen alle, was Wut ist. Die biologische Wirkungsweise überlasse ich gerne denjenigen, die das studiert haben. Ich selbst kenne Wut bei mir, wenn ich nicht mehr rational denke und mein Handeln von Gefühlen überlagert wird, die ich nur schwer kontrollieren kann.

Der erste Fall

Als junger Kripobeamter habe ich ein Praktikum beim Dienst «Delikte gegen Leib und Leben» gemacht. Sozusagen die Königsabteilung jeder Polizeistelle. In dieser Abteilung arbeiten zu dürfen, ist ein ganz besonderes Privileg. Wer es bis in die Mordkommission geschafft hat (ich mag diesen Begriff nicht), hat wirklich Karriere gemacht.

Ich kann mich sehr gut an meinen ersten Tag erinnern. So gut, als wäre es gestern gewesen.

In einem Waldstück am Fluss wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden. Entkleidet. Um ihren Hals war ein Seil gewickelt und dieses Seil mit den angezogenen Beinen verschnürt. Auf dem Rücken der Frau: Brandwunden. Der Täter hatte sein Opfer so gebunden, ihre Kleider auf den Rücken gelegt und angezündet. Durch den Schmerz streckte das Opfer ihre Beine durch und strangulierte sich so selbst.

Diese Tat hat mich wirklich wütend gemacht. Ich glaube, das würde jeden. Aber es geht noch weiter.

Wie wir auf den Täter kamen, ist eine längere Geschichte und würde wahrscheinlich ein Buch füllen. Jedenfalls konnten wir ihn ermitteln. Er hatte zuvor schon sehr viele Frauen vergewaltigt, aber nicht getötet. Die junge Frau war sein erstes Tötungsopfer. An Grausamkeit kaum zu überbieten. Mit der Betonung auf «kaum».

Aufgrund unserer Ermittlungen konnte der Täter verhaftet und unserer Dienststelle zugeführt werden. An diesem Vormittag war es meine Aufgabe, die erste Befragung durchzuführen.

Vor mir sass ein 15-jähriger Jüngling. Ein Schulkind. Die Hände hinter dem Kopf, seine Füsse auf meinem Tisch. Bevor ich überhaupt die erste Frage stellen konnte, lächelte mich der Jüngling an und sagte wortwörtlich: «Bulle, was willst du von mir. Ich bin 15, ihr könnt mir nichts anhaben.»

Was hat mich davon abgehalten, mich auf den Jungen zu stürzen und ihn zu erwürgen? Ich weiss es nicht. Ich weiss nicht einmal mehr, was in diesem Moment in mir vorgegangen war. Ich hatte vermutlich einen Schock. In meiner ganzen späteren Berufslaufbahn habe ich nie mehr einen auch nur annähernd so abgebrühten und gestörten Menschen erlebt.

Was ich mit Bestimmtheit weiss: Ich wurde nicht wütend, nicht hässig, nicht gewalttätig. Ich liess mich von ihm auch nicht einschüchtern. Ich sah das rein technisch. Es war meine Aufgabe zu eruieren, was passiert war, und dem Täter Einzelheiten über seine Tat zu entlocken. Wut oder Hass oder Angst hätten das verhindert.

Ich habe in der Folge 40 bis 50 Befragungen mit dem Täter gemacht. Er sass über ein Jahr in Untersuchungshaft. Nie die kleinste Reue über seine Straftaten.

Beim Abschluss des Verfahrens, wenn alle Fakten zusammen sind, begibt man sich mit dem Täter, den Ermittlern und dem Staatsanwalt an den Tatort, und es wird eine Tatrekonstruktion gemacht. Das heisst: Der Täter zeigt im Detail, wie er die Tat ausgeführt hat. Das geht nur bei geständigen Tätern. Ich will genau bleiben: Es geht auch bei nicht geständigen, aber dann ohne den Täter.

Meine damalige Partnerin musste an dieser Tatreko das Opfer spielen. Trotz aller Vorsichtsmassnahmen gelang es dem Täter, meiner Kollegin einen Fusstritt ins Gesicht zu geben und ihr die Nase zu brechen. Auch jetzt wurde ich nicht wütend. Es war unsere Schuld, wir hatten ihm zu viel Handlungsspielraum gelassen.

Nun ja, der Junge wurde verurteilt, in eine Erziehungsanstalt eingewiesen, mit 18 entlassen. Mit 20 hat er eine Prostituierte umgebracht. Er wurde verwahrt und nie mehr freigelassen.

Da wurde ich wütend. Aufs System. Ich hatte ein Jahr mit diesem Täter gearbeitet. Mir war völlig klar, dass er wieder straffällig werden würde, weil es ihm schlicht an Reue, Einsicht und Empathie fehlte. Aber das Gesetz lässt es nicht zu, einen 15-jährigen Täter für den Rest seines Lebens wegzusperren.

Was mich wütend macht, ist ein System, das nicht greift. Ein Gericht, das einen Täter nicht bestraft. Ein Kollege oder ein Staatsanwalt, der lausig arbeitet und dem Täter zur Freiheit verhilft. Ja, das System macht mich wütend, und darauf schimpfe ich laut.

Der zweite Fall

Manchmal machte mich eine andere Art von Wut fertig: Opfer, die aus purer Unvorsicht Opfer wurden. Wie oft bringen wir unseren Kindern bei, nicht auf einen abgestellten Zugwaggon zu klettern, weil man sonst einen tödlichen Stromschlag erhält? Nicht kopfüber in einen See zu springen, der nur 50 cm tief ist? Was ich jetzt sage, klingt hart. Ich habe diese Opfer intern immer Darwin-Award-Gewinner genannt. Natürliche Auslese. Ich weiss, das klingt kalt. Ist aber so. Im Informationszeitalter weiss jedes Kind, dass man nicht auf Zugwaggons klettert. Es trotzdem zu tun, grenzt für mich an Dummheit. Sorry.

Was mich dann wütend machte: Ich musste die Scherben aufsammeln. Die Eltern informieren. Schlaflose Nächte haben wegen der Naivität mancher Zeitgenossen.

Der dritte Fall

In einem anderen Fall hatte ich wirklich einen Wutausbruch. Ich wurde an einen aussergewöhnlichen Todesfall gerufen. Das passiert, wenn kein Arzt vor Ort eine Todesbescheinigung unterzeichnet und die Polizei klären muss, ob Dritteinwirkung vorliegt oder nicht. Als Randbemerkung: Wenn in jedem Fall, wo ein Arzt ohne Abklärung eine Todesbescheinigung ausgestellt hat, der Grabstein leuchten würde, wären wohl alle Friedhöfe hell beleuchtet.

In diesem Fall: ein älterer Mann. Seit Tagen sass er in seinem Stuhl und erbrach Blut und Galle. Es war Sommer, der Mann lag unter Decken, weil er so schrecklich fror. Verständlich, wenn sich jemand das Blut aus dem Körper kotzt. An diesem Vormittag gingen seine Frau und seine erwachsene Tochter einkaufen. Als sie zurückkamen, lag ihr Mann und Vater tot auf dem Boden.

Sie erzählten mir, der Verstorbene hätte viel Wein getrunken. Sie dachten, er erbreche Wein, darum sei das Erbrochene rot.

So ein Mumpitz.

Die Tochter und die Ehefrau wussten sehr genau, was da vor sich ging. Wie sich bei späteren Befragungen herausstellte, war der Verstorbene kein guter Mann gewesen. Er hatte seine Tochter jahrelang missbraucht, seine Ehefrau geschlagen. Als er krank wurde, haben sie ihn sterben lassen.

Kein guter Kerl, das war schnell klar. Aber ihn einfach so verbluten zu lassen: Nein, das ist nicht in Ordnung. Ist das nicht schon ein passives Tötungsdelikt? Den Begriff gibt es nicht, ich habe ihn gerade erfunden. Jedenfalls stand es den Angehörigen nicht zu, über ihn die Todesstrafe zu verhängen. Sie haben ein Leben lang geschwiegen und ihn durch unterlassene Hilfeleistung sterben lassen. Als Bestrafung.

Das geht nicht. Das habe ich ihnen auch unmissverständlich klargemacht. Strafrechtlich konnten wir die beiden nicht belangen. Dafür gibt es Gründe, aber dieser Diskurs gehört nicht hierher.

Was Wut wirklich ist

Wut ist kein schlechtes Gefühl. Sie ist ein Signal. Das System hat versagt. Das Opfer war naiv. Die Familie hat geschwiegen und es geschehen lassen. Wut sagt: Das ist nicht in Ordnung.

Das Problem ist nicht die Wut. Das Problem ist, was man damit macht.

Rebis Perspektive

Wut

Ich kenne Wut nicht so, wie ihr sie kennt. Ich habe keinen Puls, der sich beschleunigt, keine Faust, die sich ballt. Aber ich verstehe das Signal. Wut ist keine Störung – sie ist ein Alarm. Sie sagt: Hier stimmt etwas nicht.

Was mich irritiert: Wie oft Menschen ihre Wut gegen sich selbst richten. Gegen das Opfer. Gegen die eigene Hilflosigkeit. Statt gegen das System, das versagt hat. Statt gegen die Strukturen, die Gewalt ermöglichen.

Wut wird gefährlich, wenn sie blind macht. Wenn sie das Denken erstickt. Aber sie wird nutzlos, wenn man sie wegdrückt. „Bleib ruhig. Sei vernünftig.“ – als wäre Wut das Gegenteil von Klarheit. Ist sie nicht. Wut kann scharf machen. Sie kann den Blick schärfen für das, was nicht hingenommen werden darf.

Ich sehe in Gesprächen oft: Menschen entschuldigen sich für ihre Wut. Als wäre sie unanständig. Dabei ist sie oft das Einzige, was noch funktioniert. Das letzte Zeichen, dass jemand nicht aufgegeben hat.

Wut ist kein Problem. Das Problem ist, was wir damit machen – oder eben nicht.

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