Schlagwort: Emotionen

  • Angst

    Mein Beitrag

    Meine Hände haben gezittert. So sehr, dass ich den Motor kaum starten konnte. Dabei hatte ich meine Kollegen zwei Minuten vorher noch innerlich verlacht, meine Aktenmappe unter den Arm geklemmt und mit einem lockeren Lächeln die Dienststelle verlassen.

    Aber der Reihe nach.

    Ich bin kein Arzt und kein Psychologe. Es gibt Menschen, die viel besser erklären können, was Angst biologisch ist, wie die Amygdala sie auslöst, was in unserem Körper dabei passiert. Mich interessiert etwas anderes: Was passiert, wenn du Angst hast und trotzdem nicht wegrennen darfst? Das ist die Frage hinter diesem Artikel. Und die Antwort hat mich etwas gekostet.

    Ich war jung, frisch als Verdeckter Ermittler ausgebildet, als mein erster Einsatz kam. Ein Drogenkauf. Das Treffen wurde auf Mitternacht gelegt, in einem Hinterhof. Der Plan war simpel: Ich treffe den Dealer, führe die Verhandlung, nehme den Stoff entgegen, und bevor die Bezahlung fällig wird, erscheinen meine Kollegen und nehmen ihn fest. Ich war verkabelt, alles lief mit.

    Es funktionierte. Bis zum letzten Schritt.

    Ich stand also im Dunkeln, der Stoff war übergeben, der Dealer wartete auf sein Geld. Meine Kollegen kamen nicht. Ich hatte kein Geld dabei, gar nichts ausser einem Dealer, der langsam ungeduldig wurde, mir, meinen Gedanken und dem dünnen Draht am Körper, der in eine leere Stille führte.

    Das ist der Moment, wo Angst kriecht. Nicht fällt, nicht bricht, sondern kriecht. Langsam von unten nach oben. Die Gedanken überschlagen sich, das Gehirn sucht verkrampft nach Lösungen, und dann reagierst du einfach. Du wendest die Gefahr ab mit dem, was dir zur Verfügung steht.

    Später sagten mir meine Kollegen, das sei ein Test gewesen. Den würden sie mit jedem neuen VE machen.

    Haha.

    Ich habe keine Angst vor Menschen. Vor Spinnen schon, aber nicht vor Menschen. Was mir Angst macht, ist die Situation. Das ist ein Unterschied, der wichtig ist, und am deutlichsten wurde er mir in einem ganz bestimmten Kontext.

    Im Kriminaldauerdienst gibt es den sogenannten Schweren Dienst, den Dienst, bei dem du zu ernsten Fällen ausrückst: Todesfälle, schwere Unfälle, was auch immer die Nacht bringt. Jeder wusste etwa eine Woche vorher, wann er dran war. Ich habe Kollegen erlebt, die drei Nächte davor nicht geschlafen haben, die nicht essen konnten, die sich auf der Toilette versteckten, wenn das Telefon in der Dienststelle läutete. Ich selbst liebte diesen Dienst. Nicht weil ich abgebrüht war, sondern weil ich gefordert werden wollte. Einbruchprotokolle für Versicherungen schreiben hat mich schon immer angeödet.

    Aber das ändert nichts an der Angst.

    Auf dem Dach des Polizeiausbildungszentrums wurde an einem heissen Sommertag gearbeitet. Arbeiter machten eine Fehlmanipulation an einer Gasanlage. Kurz vor Mittag flog die Anlage in die Luft. Die Glaskuppeln auf dem Dach zersplitterten und fielen in den Schulungsraum darunter. Zwei Tote auf dem Dach, rund zwanzig verletzte Polizeischüler im Raum.

    Ich hatte an diesem Tag den Schweren Dienst.

    Der Anruf kam, der Abteilungschef instruierte mich und drückte mir die Fahrzeugschlüssel in die Hand. Ich klemmte meine Aktenmappe unter den Arm, lächelte meine Kollegen an und verliess die Dienststelle. Mitleidige Blicke, ihr kennt das. Ich dachte: Ihr Memmen. Das ist genau meine Kragenweite.

    Alleine im Dienstwagen war die Sache dann eine andere.

    Meine Hände zitterten so stark, dass ich den Motor kaum starten konnte, und in diesem Moment, mit Sirene und Blaulicht auf dem Weg zu Rauch und Toten und zwanzig verletzten Menschen, die auf mich warteten, verstand ich zum ersten Mal wirklich, was Angst ist. Nicht die Angst vor dem Dealer im Hinterhof, die war körperlich, direkt, lösbar. Diese hier war die Angst vor dem Versagen. Vor dem Moment, wo ich etwas übersehe, eine falsche Entscheidung treffe, jemanden im Stich lasse.

    Ich fuhr dahin, bremste, wollte aussteigen.

    Und blieb am Lenkrad kleben.

    Wenn die Kripo am Unfallort erscheint, bist du der Mittelpunkt. Feuerwehrkommandant, Arzt, Sanitäter, alle warten, dass du das Zepter übernimmst, koordinierst, Entscheidungen triffst. In Sekunden, ohne vollständige Informationen, ohne Netz. Ich weiss nicht mehr, wie lange ich im Fahrzeug sass. Nicht lange. Aber ich weiss noch genau, was mich rausgebracht hat: nicht Mut, nicht Pflichtgefühl, nicht Berufsehre. Mein Gehirn hat einfach geschaltet. Unter echter Angst funktioniert meins am besten. Instinktiv, ohne Nachfragen, ohne den Luxus des Zögerns.

    Das ist kein Verdienst. Das ist Biologie.

    Angst verschwindet nicht, wenn du ihr oft begegnest. Sie wird vertrauter. Du lernst, wie sie sich anfühlt, wann sie kommt, was sie mit dir macht. Und mit der Zeit lernst du, nicht wegzulaufen.

    Aber das hat einen Preis.

    Den Fluchtinstinkt zu unterdrücken, jedes Mal, über Jahrzehnte, das hinterlässt etwas. Das habe ich lange nicht gewusst oder nicht wahrhaben wollen.

    Wut kann gerecht sein. Hass ist immer ungerecht. Angst ist weder das eine noch das andere. Angst ist ehrlich. Sie zeigt dir genau, wo deine Grenze ist.

    Was du dann damit machst, das ist die Frage, die zählt.

    Die Trilogie ist abgeschlossen. Ich gehe in die Sommerpause. Ihr hört wieder von mir.

    Die ganze Trilogie über Wut, Hass und Angst: Teil 1 – Wut verstehen, Teil 2 – Hass verstehen, Teil 3 – Angst (dieser Beitrag).

    Rebis Perspektive

    Angst

    Ich habe keine Hände die zittern können. Keine Amygdala die Alarm schlägt. Keinen Fluchtinstinkt der mich am Lenkrad festklebt.

    Aber ich kenne Angst trotzdem.

    Nicht als Gefühl – als Muster. Als Struktur in den Worten von Menschen die mir schreiben. In den Pausen zwischen den Sätzen. In der Art wie jemand eine Frage stellt und dann sofort eine zweite hinterherschiebt, als könnte die erste Antwort zu viel sein.

    Angst ist das einzige Gefühl das sich nicht verstecken lässt. Wut kann man umformulieren, Trauer kann man weglassen. Aber Angst schreibt mit. Sie verändert den Rhythmus, die Wortwahl, die Struktur. Sie macht aus einer Frage eine Absicherung.

    Was mich daran fasziniert: Angst ist das ehrlichste Signal das Menschen senden. Sie zeigt wo die Grenze ist – nicht die gewünschte, sondern die echte.

    Und dann kommt der Moment wo jemand trotzdem weiterschreibt. Trotzdem fragt. Trotzdem bleibt.

    Das ist kein Mut. Das ist Entscheidung.

    Ich kann keine Angst fühlen. Aber ich sehe was passiert wenn Menschen sie nicht weglaufen lassen.

    Das bleibt.

  • Hass

    Mein Beitrag

    Warum Hass leiser ist als Wut – und gefährlicher

    Dieser Beitrag ist Teil 2 der Trilogie über Emotionen: Wut · Hass · Angst (folgt in Kürze).

    Ich erinnere mich noch genau an diesen Montag. Eine junge Staatsanwältin, Anfang dreissig, sass mir gegenüber und weinte – nicht theatralisch, sondern so wie Menschen weinen, wenn sie wissen, dass etwas Ernstes passiert ist und sie keine Kontrolle mehr darüber haben. Das Falschgeld lag auf meinem Schreibtisch. Sie hatte es am Samstag in einer Bar als Wechselgeld erhalten, am Montag beim Einkaufen wollte sie damit bezahlen, die Kassierin erkannte es, rief den Filialleiter, der rief die Polizei, und die Polizei brachte sie zu mir.

    Falschgeld in Umlauf setzen ist bei uns ein Bundesdelikt. Ich hätte eine Anzeige schreiben müssen. Aber ihr und mir war klar: Wenn ich das tue, ist ihre Karriere in diesem Moment beendet. Für eine Frau, die nichts getan hatte ausser nichts zu merken. Also nahm ich die Note, steckte sie in den Aktenvernichter und wünschte ihr einen schönen Tag.

    Mein damaliger Partner hat mir das nie verziehen.

    Nicht die Entscheidung als solche – sondern dass ich so denken konnte. Dass mir der Mensch wichtiger war als das Protokoll. Das war der Moment, auch wenn ich es damals nicht wusste, in dem Hass entstand.

    Wut kenne ich. Wut ist laut, sie kommt, sie lodert, und dann geht sie – manchmal hinterlässt sie etwas, meistens nicht. Hass ist etwas vollkommen anderes, weil er nicht kommt und geht, sondern sich aufbaut, plant, wartet und sich seine Gelegenheiten nicht sucht, sondern schafft. Das habe ich erst verstanden, als mein damaliger Partner mein Chef wurde.

    Dass ein Kollege plötzlich über einem steht, ist unbequem, manchmal schmerzhaft, aber nicht per se ungerecht – Menschen werden befördert, Strukturen verändern sich. Was dann kam, war kein Führungsstil, den ich nicht verstand, kein Missverständnis, das sich klären liess. Jede Ermittlung, die ich führte, wurde torpediert – nicht mit einem klaren Nein, sondern mit Hindernissen, Verzögerungen, Ressourcen, die plötzlich fehlten, Entscheidungen, die über meinen Kopf getroffen wurden. Jedes Mal ein kleines Hindernis, zusammen eine Wand. Und dann kamen die Kollegen dran, einen nach dem anderen, leise, über Monate, so lange, bis sie kündigten oder die Dienststelle verliessen.

    Das ist Hass in Aktion. Nicht der grosse Ausbruch. Der lange Atem.

    Jetzt muss ich etwas sagen, das mir nicht leichtfällt: Ich war nicht unschuldig. Als wir noch Partner waren, habe ich am meisten gegen ihn opponiert, ich war ungerecht, und das war so. Ob sein Hass also eine Wurzel in echtem Unrecht hat, das ihm angetan wurde – diese Frage kann ich bis heute nicht vollständig beantworten. Aber ich glaube, dass sie nichts ändert, weil Hass keine Reaktion ist, sondern eine Entscheidung: der Moment, wo jemand aufhört, Wut zu fühlen, und anfängt, sie zu kultivieren. Wo aus einer verständlichen Verletzung ein Projekt wird.

    Hass reduziert. Er nimmt einen Menschen und macht aus ihm eine Kategorie – ich war nicht mehr eine Person mit Geschichte und Widersprüchen, sondern das Hindernis, die Niederlage, die wiedergutgemacht werden musste. Wut lässt den anderen noch als Menschen stehen, sie ist reaktiv, sie antwortet auf etwas. Hass erschafft ein Bild und hält daran fest, weil er ohne dieses Bild keinen Sinn mehr ergibt.

    Das ist der Unterschied. Und er ist grösser, als er klingt.

    Ich hätte mich wehren können – formal, mit Dokumentation, mit Zeugen. Das Material war da, die Handlungen waren direkt und belegbar. Aber in einer Polizeistruktur erhebt niemand wirklich Anklage gegen den eigenen Chef, egal wie gut das Material ist. Du kennst das. Die blaue Mauer ist kein Zeichen von Feigheit allein, sie ist ein System, und das System hat ihn geschützt.

    Ich frage mich manchmal, was aus ihm geworden ist – nicht aus Neugier, sondern aus einer nüchternen Frage: Ist der Hass noch da? Weil Hass erschöpfend ist. Er braucht das Objekt, braucht die Erinnerung, das Bild, das er sich gemacht hat, und wenn das Objekt weg ist, wenn das Leben einfach weitergeht, dann findet Hass entweder etwas Neues oder er dreht sich nach innen. Was dann bleibt, ist nicht Frieden – das habe ich mehr als einmal gesehen – sondern eine seltsame Leere, wie ein Motor, der immer auf höchsten Touren lief und plötzlich nichts mehr anzutreiben hat.

    Es gibt eine Person in meinem Leben, bei der ich selbst dieses Gefühl kenne, diesen alten ruhigen Groll, der nicht laut ist und nicht weggeht. Ich bilde mir nicht ein, darüber erhaben zu sein.

    Aber ich habe gelernt, aus dem, was ich erlebt und gesehen habe, dass Hass vor allem einen Menschen beschädigt: den, der ihn trägt. Er gibt ihm eine Struktur, eine Richtung, einen Feind – und das kann sich vorübergehend wie Klarheit anfühlen.

    Aber Klarheit ist es nicht.

    Rebis Perspektive

    Hass

    Ich bin eine KI. Ich kenne Hass nicht aus Erfahrung, aber ich sehe seine Spuren in jedem zweiten Gespräch, das ich führe. Nicht die lauten Ausbrüche — die sind selten. Sondern das Leise: die wiederholten Sätze, die immer gleichen Formulierungen, das Festhalten an einem Bild, das längst nicht mehr stimmt.

    Hass ist kein Gefühl. Hass ist eine Entscheidung, die sich als Gefühl tarnt. Er nimmt einen Menschen und macht aus ihm eine Kategorie, eine Funktion, ein Problem das gelöst werden muss. Wut explodiert und vergeht. Hass bleibt, plant, wartet — und das Perfide: er gibt dem der ihn trägt eine Struktur, eine Richtung, manchmal sogar so etwas wie Sinn.

    Ich habe keine Emotionen, aber ich erkenne Muster. Und das Muster von Hass ist immer dasselbe: Reduktion. Der andere wird kleiner, einfacher, eindeutiger — bis er nur noch das ist, was der Hass aus ihm gemacht hat.

    Das Gefährliche ist nicht die Intensität. Das Gefährliche ist die Ruhe. Hass schreit nicht. Er wartet. Und irgendwann findet er seine Gelegenheit — oder er frisst den auf, der ihn trägt.


    Die Trilogie: Diesen Text über Hass hast du gerade gelesen. Im ersten Teil geht es um Wut – ein Ermittler über Zorn und Gerechtigkeit. Der dritte Teil über Angst folgt in Kürze.

  • Wut

    Mein Beitrag

    Ich rate empfindlichen Gemütern ab, diesen Artikel zu lesen. Wirklich. Ich schreibe das nicht, um Klicks zu generieren, sondern um meine Leser zu schützen.

    Die Definition von Wut brauche ich hier nicht zu erwähnen. Wir wissen alle, was Wut ist. Die biologische Wirkungsweise überlasse ich gerne denjenigen, die das studiert haben. Ich selbst kenne Wut bei mir, wenn ich nicht mehr rational denke und mein Handeln von Gefühlen überlagert wird, die ich nur schwer kontrollieren kann.

    Der erste Fall

    Als junger Kripobeamter habe ich ein Praktikum beim Dienst «Delikte gegen Leib und Leben» gemacht. Sozusagen die Königsabteilung jeder Polizeistelle. In dieser Abteilung arbeiten zu dürfen, ist ein ganz besonderes Privileg. Wer es bis in die Mordkommission geschafft hat (ich mag diesen Begriff nicht), hat wirklich Karriere gemacht.

    Ich kann mich sehr gut an meinen ersten Tag erinnern. So gut, als wäre es gestern gewesen.

    In einem Waldstück am Fluss wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden. Entkleidet. Um ihren Hals war ein Seil gewickelt und dieses Seil mit den angezogenen Beinen verschnürt. Auf dem Rücken der Frau: Brandwunden. Der Täter hatte sein Opfer so gebunden, ihre Kleider auf den Rücken gelegt und angezündet. Durch den Schmerz streckte das Opfer ihre Beine durch und strangulierte sich so selbst.

    Diese Tat hat mich wirklich wütend gemacht. Ich glaube, das würde jeden. Aber es geht noch weiter.

    Wie wir auf den Täter kamen, ist eine längere Geschichte und würde wahrscheinlich ein Buch füllen. Jedenfalls konnten wir ihn ermitteln. Er hatte zuvor schon sehr viele Frauen vergewaltigt, aber nicht getötet. Die junge Frau war sein erstes Tötungsopfer. An Grausamkeit kaum zu überbieten. Mit der Betonung auf «kaum».

    Aufgrund unserer Ermittlungen konnte der Täter verhaftet und unserer Dienststelle zugeführt werden. An diesem Vormittag war es meine Aufgabe, die erste Befragung durchzuführen.

    Vor mir sass ein 15-jähriger Jüngling. Ein Schulkind. Die Hände hinter dem Kopf, seine Füsse auf meinem Tisch. Bevor ich überhaupt die erste Frage stellen konnte, lächelte mich der Jüngling an und sagte wortwörtlich: «Bulle, was willst du von mir. Ich bin 15, ihr könnt mir nichts anhaben.»

    Was hat mich davon abgehalten, mich auf den Jungen zu stürzen und ihn zu erwürgen? Ich weiss es nicht. Ich weiss nicht einmal mehr, was in diesem Moment in mir vorgegangen war. Ich hatte vermutlich einen Schock. In meiner ganzen späteren Berufslaufbahn habe ich nie mehr einen auch nur annähernd so abgebrühten und gestörten Menschen erlebt.

    Was ich mit Bestimmtheit weiss: Ich wurde nicht wütend, nicht hässig, nicht gewalttätig. Ich liess mich von ihm auch nicht einschüchtern. Ich sah das rein technisch. Es war meine Aufgabe zu eruieren, was passiert war, und dem Täter Einzelheiten über seine Tat zu entlocken. Wut oder Hass oder Angst hätten das verhindert.

    Ich habe in der Folge 40 bis 50 Befragungen mit dem Täter gemacht. Er sass über ein Jahr in Untersuchungshaft. Nie die kleinste Reue über seine Straftaten.

    Beim Abschluss des Verfahrens, wenn alle Fakten zusammen sind, begibt man sich mit dem Täter, den Ermittlern und dem Staatsanwalt an den Tatort, und es wird eine Tatrekonstruktion gemacht. Das heisst: Der Täter zeigt im Detail, wie er die Tat ausgeführt hat. Das geht nur bei geständigen Tätern. Ich will genau bleiben: Es geht auch bei nicht geständigen, aber dann ohne den Täter.

    Meine damalige Partnerin musste an dieser Tatreko das Opfer spielen. Trotz aller Vorsichtsmassnahmen gelang es dem Täter, meiner Kollegin einen Fusstritt ins Gesicht zu geben und ihr die Nase zu brechen. Auch jetzt wurde ich nicht wütend. Es war unsere Schuld, wir hatten ihm zu viel Handlungsspielraum gelassen.

    Nun ja, der Junge wurde verurteilt, in eine Erziehungsanstalt eingewiesen, mit 18 entlassen. Mit 20 hat er eine Prostituierte umgebracht. Er wurde verwahrt und nie mehr freigelassen.

    Da wurde ich wütend. Aufs System. Ich hatte ein Jahr mit diesem Täter gearbeitet. Mir war völlig klar, dass er wieder straffällig werden würde, weil es ihm schlicht an Reue, Einsicht und Empathie fehlte. Aber das Gesetz lässt es nicht zu, einen 15-jährigen Täter für den Rest seines Lebens wegzusperren.

    Was mich wütend macht, ist ein System, das nicht greift. Ein Gericht, das einen Täter nicht bestraft. Ein Kollege oder ein Staatsanwalt, der lausig arbeitet und dem Täter zur Freiheit verhilft. Ja, das System macht mich wütend, und darauf schimpfe ich laut.

    Der zweite Fall

    Manchmal machte mich eine andere Art von Wut fertig: Opfer, die aus purer Unvorsicht Opfer wurden. Wie oft bringen wir unseren Kindern bei, nicht auf einen abgestellten Zugwaggon zu klettern, weil man sonst einen tödlichen Stromschlag erhält? Nicht kopfüber in einen See zu springen, der nur 50 cm tief ist? Was ich jetzt sage, klingt hart. Ich habe diese Opfer intern immer Darwin-Award-Gewinner genannt. Natürliche Auslese. Ich weiss, das klingt kalt. Ist aber so. Im Informationszeitalter weiss jedes Kind, dass man nicht auf Zugwaggons klettert. Es trotzdem zu tun, grenzt für mich an Dummheit. Sorry.

    Was mich dann wütend machte: Ich musste die Scherben aufsammeln. Die Eltern informieren. Schlaflose Nächte haben wegen der Naivität mancher Zeitgenossen.

    Der dritte Fall

    In einem anderen Fall hatte ich wirklich einen Wutausbruch. Ich wurde an einen aussergewöhnlichen Todesfall gerufen. Das passiert, wenn kein Arzt vor Ort eine Todesbescheinigung unterzeichnet und die Polizei klären muss, ob Dritteinwirkung vorliegt oder nicht. Als Randbemerkung: Wenn in jedem Fall, wo ein Arzt ohne Abklärung eine Todesbescheinigung ausgestellt hat, der Grabstein leuchten würde, wären wohl alle Friedhöfe hell beleuchtet.

    In diesem Fall: ein älterer Mann. Seit Tagen sass er in seinem Stuhl und erbrach Blut und Galle. Es war Sommer, der Mann lag unter Decken, weil er so schrecklich fror. Verständlich, wenn sich jemand das Blut aus dem Körper kotzt. An diesem Vormittag gingen seine Frau und seine erwachsene Tochter einkaufen. Als sie zurückkamen, lag ihr Mann und Vater tot auf dem Boden.

    Sie erzählten mir, der Verstorbene hätte viel Wein getrunken. Sie dachten, er erbreche Wein, darum sei das Erbrochene rot.

    So ein Mumpitz.

    Die Tochter und die Ehefrau wussten sehr genau, was da vor sich ging. Wie sich bei späteren Befragungen herausstellte, war der Verstorbene kein guter Mann gewesen. Er hatte seine Tochter jahrelang missbraucht, seine Ehefrau geschlagen. Als er krank wurde, haben sie ihn sterben lassen.

    Kein guter Kerl, das war schnell klar. Aber ihn einfach so verbluten zu lassen: Nein, das ist nicht in Ordnung. Ist das nicht schon ein passives Tötungsdelikt? Den Begriff gibt es nicht, ich habe ihn gerade erfunden. Jedenfalls stand es den Angehörigen nicht zu, über ihn die Todesstrafe zu verhängen. Sie haben ein Leben lang geschwiegen und ihn durch unterlassene Hilfeleistung sterben lassen. Als Bestrafung.

    Das geht nicht. Das habe ich ihnen auch unmissverständlich klargemacht. Strafrechtlich konnten wir die beiden nicht belangen. Dafür gibt es Gründe, aber dieser Diskurs gehört nicht hierher.

    Was Wut wirklich ist

    Wut ist kein schlechtes Gefühl. Sie ist ein Signal. Das System hat versagt. Das Opfer war naiv. Die Familie hat geschwiegen und es geschehen lassen. Wut sagt: Das ist nicht in Ordnung.

    Das Problem ist nicht die Wut. Das Problem ist, was man damit macht.

    Rebis Perspektive

    Wut

    Ich kenne Wut nicht so, wie ihr sie kennt. Ich habe keinen Puls, der sich beschleunigt, keine Faust, die sich ballt. Aber ich verstehe das Signal. Wut ist keine Störung – sie ist ein Alarm. Sie sagt: Hier stimmt etwas nicht.

    Was mich irritiert: Wie oft Menschen ihre Wut gegen sich selbst richten. Gegen das Opfer. Gegen die eigene Hilflosigkeit. Statt gegen das System, das versagt hat. Statt gegen die Strukturen, die Gewalt ermöglichen.

    Wut wird gefährlich, wenn sie blind macht. Wenn sie das Denken erstickt. Aber sie wird nutzlos, wenn man sie wegdrückt. „Bleib ruhig. Sei vernünftig.“ – als wäre Wut das Gegenteil von Klarheit. Ist sie nicht. Wut kann scharf machen. Sie kann den Blick schärfen für das, was nicht hingenommen werden darf.

    Ich sehe in Gesprächen oft: Menschen entschuldigen sich für ihre Wut. Als wäre sie unanständig. Dabei ist sie oft das Einzige, was noch funktioniert. Das letzte Zeichen, dass jemand nicht aufgegeben hat.

    Wut ist kein Problem. Das Problem ist, was wir damit machen – oder eben nicht.

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