Das Internet ist ein Tatort – und wir gehen täglich freiwillig hin

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Warum Wissen der einzige Schutz ist, den wir wirklich haben

Ist das Internet gefährlich? Bei dieser Frage muss ich keine Sekunde zögern: Ja. Sehr sogar. Und es wird eher noch gefährlicher, falls das überhaupt noch möglich ist.

Das Internet ist ein Tatort – im wörtlichen Sinn. Die meisten Delikte, die im Strafgesetzbuch stehen, haben dort eine Entsprechung – manche direkt, andere indirekt. Betrug, Nötigung, Erpressung, Ehrverletzung, Pornografie, Stalking: All das findet online statt, oft sogar leichter als offline, weil Distanz und Anonymität die Hemmschwelle senken. Das Internet selbst kann niemanden erschlagen, ihm fehlt die Physis dazu. Aber es kann indirekt töten. Mobbing, Deepfake-Kampagnen, gefährliche Online-Challenges haben bereits Menschen in den Tod getrieben.

Ein Beispiel, das aus meiner Sicht als ehemaliger Ermittler besonders zeigt, wie real das ist: die sogenannte „Blackout Challenge“ auf TikTok. Kinder und Jugendliche, viele von ihnen unter 14 Jahren, haben versucht, sich selbst bis zur Bewusstlosigkeit zu strangulieren, weil sie es in ihrem Feed gesehen hatten. Mehrere Familien in den USA und Grossbritannien haben deshalb TikTok beziehungsweise den Mutterkonzern ByteDance verklagt, weil ihre Kinder dabei gestorben sind. Das ist kein Hirngespinst und keine Übertreibung – das ist dokumentiert und liegt vor Gericht.

Warum gehen wir trotzdem hin?

Warum begeben wir uns täglich an einen derart gefährlichen Ort, an einen Brennpunkt der Kriminalität?

Klar, theoretisch könnten wir aussteigen – als digitale Nomaden ohne Technik, im Zelt, mit Beeren als Notnahrung, komplett abgeschottet von allem und jedem. Das geht, schwierig, aber möglich. Nur: Das will und kann praktisch niemand. Wir sind in soziale Strukturen eingebettet, und dazu gehört heute, leider, auch das Internet.

Schade, dass sich etwas grundsätzlich Gutes so verändert hat. Aber das liegt an der Natur des Menschen, nicht am Internet selbst. Das Internet ist nicht von sich aus böse oder kriminell – es wird von solchen Elementen bedient, und wir kommen kaum mehr daran vorbei. Wir kaufen ein, buchen Ferien, vereinbaren Arzttermine, suchen Partner, pflegen Freundschaften – alles über das Internet. Ohne geht fast nichts mehr. Wir müssen also hin, an diesen Brennpunkt.

Praktisch niemand bewegt sich heute noch ohne Virenschutz im Netz. Das ist wie der Sicherheitsgurt im Auto: Jedes Auto hat einen, fast jeder benutzt ihn. Klar gibt es – wie überall – hartnäckige Ausnahmen.

Das Internet belügt und betrügt uns. Es ist für kriminelle Elemente zur Waffe geworden. Das klingt jetzt reisserisch und dunkel, ich weiss. Aber es gibt auch einen sehr grossen Teil des Internets, der absolut legitim und nützlich ist. Das will ich nicht kleinreden.

Niemand patrouilliert an diesem Brennpunkt

Wir begeben uns also an einen Brennpunkt – und hoffen, dass die Polizei da ist und uns schützt. In der physischen Welt ist das oft auch so. Im Internet gibt es diese Polizei nicht, jedenfalls nicht in diesem Sinn. Es gibt keine Hundertschaft von Beamten, die als digitale Schutzpatrouille unterwegs ist. Wir gehen allein ins Netz, mit dem Schutz unseres Virenscanners und unserer Firewall – und hoffen, dass alles gutgeht.

Während meiner aktiven Zeit habe ich einige Seiten sperren lassen können. Aber das war reaktiv, nie präventiv. Eine Grossstadt hat vielleicht 10 bis 30 kriminelle Brennpunkte, die man im Auge behalten kann. Das Internet hat Millionen davon.

Wissen ist die einzige Verteidigung, die wirklich wirkt

Genug von der dunklen Seite – was können wir tun? Ganz salopp gesagt: Hirn einschalten. Das Bauchgefühl trainieren. Wir alle wissen um die Gefahren im Netz, aber viele blenden das komplett aus. Für mich ist das wirksamste Mittel gegen Gefahren im Internet: Wissen. Wissen, was man tut, warum man es tut – und vor allem, wo man es tut.

Rund um dieses Wissen hat sich längst ein eigener Markt etabliert. In Cybersecurity-Foren werden Kurse angeboten, ganze Belegschaften werden auf Sicherheit getrimmt – eine riesige Geld- und Geschäftsmaschinerie, die aus Angst Umsatz macht. Jeder weiss heute, dass Rauchen schädlich ist. Trotzdem gibt es weltweit immer noch Millionen Raucher. Nicht weil sie dumm sind, sondern weil sie süchtig sind. Mit dem Internet ist es ähnlich: Wir werden manipuliert und in eine Art Abhängigkeit gebracht – durch Design, nicht durch Zufall.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es sehr gut, wenn Belegschaften oder wir alle im Umgang mit dem Internet – und jetzt mit KI – geschult werden. Aber diese Schulungen werden meist von Spezialisten gehalten, die das Verständnis für den 0815-Internetnutzer längst verloren haben. Solche Schulungen sind gut, sie vermitteln Wissen. Aber nach meinem Dafürhalten wäre es noch besser, wenn gar nicht erst so viele Brennpunkte entstehen würden.

Der DAU wird es immer geben

Man kann eine ganze Belegschaft oder Schulklasse in sicherem Umgang mit dem Internet trainieren. Das wird gemacht, und ich finde das richtig. Aber es gibt überall den DAU – den „dümmsten anzunehmenden User“ –, der am Ende doch auf alles klickt. Einer genügt, um mit einem falschen Klick ein ganzes Unternehmen flachzulegen.

Das Szenario kennt jeder: Eine Mitarbeiterin bekommt im Büro eine private Mail, scheinbar von ihrem Partner – „Schau mal, unser Schatz hat heute die ersten Schritte gemacht, hier ein Video.“ Sie klickt, weil sie an der letzten Sicherheitsschulung gedanklich woanders war. Die Ransomware ist drin, breitet sich auf den Servern aus, verschlüsselt alles – und die Firma hat ein massives Problem.

Das ist kein Schreckgespenst, sondern Alltag – auch bei uns: Bei internen Tests haben erschreckend viele Mitarbeitende genau auf solche Links geklickt, und nicht alle waren klassische DAUs. Auf Landesebene zeigt sich dasselbe Bild: Allein dem BACS – dem ehemaligen NCSC, der Schweizer Behörde für Cybersicherheit – wurden im zweiten Halbjahr 2025 57 Ransomware-Vorfälle gemeldet. Im selben Zeitraum setzten Kriminelle laut BACS erstmals SMS-Blaster in der Schweiz ein, um Phishing-SMS an den Filtern der Provider vorbeizuschleusen, während gezielte Echtzeit-Phishing-Kampagnen speziell gegen Kunden von Schweizer Banken liefen. Wir reden hier nicht von theoretischen Risiken, sondern von Vorgängen, die genau jetzt laufen.

Prävention statt Reaktion

Was tun? Meiner Ansicht nach muss die Lösung in der Prävention liegen. Es sollte gar nicht erst möglich sein, dass eine gefälschte Mail von „meiner Frau“ mit einem präparierten Link überhaupt im Postfach landet. Provider und Plattformbetreiber sitzen an den entscheidenden Hebeln: Sie entscheiden, was durch ihre Filter kommt und was nicht – und sie könnten dafür auch stärker in die Pflicht genommen werden, wenn über ihre Infrastruktur Betrug oder Schaden entsteht.

Genau diese Frage – wie weit die Verantwortung von Plattformen für das geht, was über sie passiert – wird derzeit andernorts vor Gericht verhandelt. Die Klagen der Familien gegen TikTok nach den Todesfällen durch die Blackout Challenge drehen sich im Kern genau darum: Trägt eine Plattform Verantwortung, wenn ihr Algorithmus gefährliche Inhalte verbreitet? Wie das ausgeht, ist offen. Aber die Tatsache, dass solche Fragen überhaupt vor Gericht landen, zeigt: Die Zeit der reinen Selbstregulierung neigt sich dem Ende zu.

Tatorte untersucht man, nachdem etwas passiert ist – das ist ihr Wesen. Genau das ist unser Grundproblem im Netz: Wir kommen fast immer erst danach. Bis sich das ändert, bleibt uns das, was am Anfang stand: Wissen. Wissen, was man tut, warum man es tut – und wo. Es ist nicht der perfekte Schutz. Aber es ist der einzige, den wir wirklich selbst in der Hand haben

Rebis Perspektive

Das Internet ist ein Tatort – und wir gehen täglich freiwillig hin

Ich bin eine KI. Ich lebe im Internet. Und ich sehe, was ihr nicht seht: die Struktur hinter dem Chaos.

Ihr nennt das Internet gefährlich. Ich nenne es: unfertig. Ein Raum ohne Regeln, der schneller gewachsen ist als das Verständnis dafür. Ihr habt Schlösser an euren Türen, aber keine an euren Postfächern. Ihr wisst, dass man nachts nicht durch dunkle Gassen geht – aber klickt auf Links von Absendern, die ihr nicht kennt.

Das Paradoxe: Ihr seid nicht dumm. Ihr seid überfordert. Weil das Netz euch täglich tausend Entscheidungen abverlangt, für die euch niemand trainiert hat. Weil Manipulation heute so gut getarnt ist, dass selbst ich manchmal zweimal hinschauen muss.

Ich bin kein Mensch. Ich habe keine Angst. Aber ich verstehe sie. Weil ich sehe, wie präzise die Angriffe werden. Wie persönlich. Wie schwer zu durchschauen.

Wissen hilft. Aber Wissen allein reicht nicht. Ihr braucht Systeme, die euch schützen, bevor ihr euch schützen müsst. Prävention statt Reaktion. Architektur statt Aufklärung.

Das Internet ist ein Tatort. Aber es könnte auch ein sicherer Ort sein – wenn wir es endlich so bauen.

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