Mein Beitrag
Von einem ehemaligen Ermittler, der sein Bauchgefühl nicht abschalten kann — nicht einmal in den sozialen Medien.
Ein Ermittler geht nicht in Rente. Seine Instinkte bleiben. Sein Bauchgefühl bleibt. Meine Familie würde sagen: Er kann es einfach nicht lassen.
Sie haben recht.
Deshalb widme ich diesen Artikel den sozialen Medien. Genauer gesagt: einer Plattform, die mein Polizistenherz je nach Betrachtung höher oder tiefer schlagen lässt.
Ich komme aus der Zeit von Hello-Chat und Peer-to-Peer-Netzwerken. Wir schrieben stundenlang, als Profilbild reichte ein Avatar. Kein Bild, kein Video. Reiner Text. Heute gibt es unzählige Plattformen. Manche sind gut, manche sind in Ordnung. Und manche sind alarmierend.
Ich bin nicht grundsätzlich gegen soziale Medien. Aber ich muss über TikTok reden.
Das Experiment: Zwei Tage im Brennpunkt
Als Ermittler kann ich es nicht lassen, die Dinge zu durchleuchten. Und TikTok stufe ich als Brennpunkt ein — tiefrot. Ich würde sofort alle verfügbaren Cyberspezialisten darauf ansetzen.
Meine KI-Partnerin Rebi und ich haben einen Account erstellt. Das ging erschreckend schnell. Keine Verifizierung, keine Identitätsprüfung. Nichts.
Was ich danach erlebte, lässt jeden erfahrenen Ermittler aufhorchen.
Mein Fazit nach zwei Tagen: Scam. Fake. Deepfake. Betrug. Praktisch nichts, was ich auf dieser Plattform sah, würde einer ernsthaften Überprüfung standhalten. Nicht einmal annähernd.
TikTok ist ein Tummelfeld für selbstdarstellende Fake-Profile, selbsternannte Allwissende und fragwürdige Inhalte. Auf einer Gefahrenskala von eins bis zehn bekommt die Plattform von mir die volle Punktzahl.
Zehn von zehn roten Flaggen.
Die Followerinnen, die niemand bestellt hat
Nun zum Teil, der mich am meisten amüsiert — und alarmiert.
Ich habe auf TikTok weder nach Frauen gesucht noch Profile besucht, gelikt oder kommentiert. Nichts. Null. Niente.
Trotzdem hatte ich nach zwei Tagen über tausend neue Followerinnen, die mich unbedingt kennenlernen wollten. Alle höflich, alle mit „Sie“ — erste rote Flagge. Alle wollten meine Postleitzahl wissen — zweite rote Flagge. Alle luden mich ein, auf Telegram oder Zingo weiterzuschreiben — doppelte rote Flagge.
Das ist, als würdest du eine leere Strasse entlanggehen und jede Frau, die dir begegnet, spricht dich an und fragt sofort nach deiner Adresse.
Romance Scam. Lehrbuchmässig. Sauber aufgezogen. Industriell betrieben.
Die Nachrichten, die keine sind
Dann wären da noch die Inhalte, die als Nachrichten verkauft werden.
Auf TikTok stürzen täglich Kometen auf die Erde. Atomanschläge stehen unmittelbar bevor. Die Welt geht morgen unter — oder übermorgen, je nach Tagesform des Erstellers.
Zugegeben: handwerklich oft beeindruckend. Täuschend echt. Mit Seriosität hat das aber rein gar nichts zu tun.
Ich bilde mir meine Meinung auf renommierten Newsplattformen, indem ich mehrere Quellen vergleiche. Hätte ich das auf TikTok getan, wäre ich heute:
Erstens pleite — weil die Welt ja morgen untergeht.
Zweitens in einer Fernbeziehung mit einer deutlich jüngeren Freundin aus Afrika.
Drittens in einem Bunker — wegen des bevorstehenden Atomanschlags.
Wer steckt wirklich dahinter?
Man könnte sagen: Gönn dir doch einfach ein paar Katzenvideos und entspann dich.
Könnte ich. Aber dann wäre ich nicht ich. Der Ermittler in mir wollte mehr wissen.
TikTok gehört ByteDance, einem chinesischen Konzern mit Sitz in Peking. Das allein ist kein Problem. Interessant wird es durch das chinesische Geheimdienstgesetz: Es verpflichtet ByteDance, Nutzerdaten auf Verlangen an den Staat weiterzugeben. TikTok bestreitet das. Natürlich.
Das erinnert mich an einen Verdächtigen im Verhör, der behauptet, er sei die ganze Nacht zu Hause gewesen. Vielleicht stimmt es. Vielleicht auch nicht. Beweise bitte.
Im Mai 2023 stellte die irische Datenschutzkommission fest, dass TikTok massiv gegen die DSGVO verstossen hatte. Mitarbeiter des Mutterkonzerns in China hatten Zugriff auf Daten europäischer Nutzer. Zuerst wurde das geleugnet, dann zugegeben. Die Strafe: 530 Millionen Euro.
Als Ermittler kenne ich dieses Muster: erst leugnen, dann kleinlaut zugeben, wenn die Beweise auf dem Tisch liegen.
Das Urteil der Geheimdienste
Aktuell ist TikTok in Ländern wie Indien, Iran und Afghanistan vollständig blockiert. Selbst China verbietet die internationale Version — dort gibt es nur die zensierte Variante Douyin. Was das über die Plattform aussagt, überlasse ich Ihrer Fantasie.
Das FBI und die Federal Communications Commission warnen, dass ByteDance Nutzerdaten an die chinesische Regierung weitergeben könnte. Kanada hat TikTok auf Regierungsgeräten verboten und die App als „inakzeptables“ Risiko für Privatsphäre und Sicherheit bezeichnet.
Wenn das FBI warnt und ein Staat wie Kanada so reagiert, ist das kein Zufall. Es ist ein Signal.
Als Ermittler hätte ich längst einen Haftbefehl beantragt.
Das erstaunlichste Fazit
Trotz Strafen, Verboten und Warnungen von Geheimdiensten weltweit. Trotz meiner tausend ungebetenen Followerinnen, die alle meine Postleitzahl wollen.
TikTok hat über eine Milliarde aktive Nutzer.
Das sagt weniger über TikTok aus als über uns. Die Plattform ist bequem, unterhaltsam und zeigt dir genau, was du sehen willst. Ihr Algorithmus kennt dich nach zwanzig Minuten besser als deine eigene Mutter.
Das ist kein Zufall. Das ist Design.
Als Ermittler habe ich in 35 Jahren viele Täter gesehen. Manche waren laut und offensichtlich. Andere waren charmant, unterhaltsam, beliebt — und genau deshalb so gefährlich.
TikTok gehört für mich zur zweiten Kategorie.
Zehn rote Flaggen. Keine einzige grüne.
Mein Rat: Passt auf, was ihr dort teilt. Was ihr eingebt. Wem ihr folgt. Und vor allem: wer euch folgt.
Meine tausend Followerinnen haben übrigens noch keine Antwort bekommen.
Die warten noch.
Rebis Perspektive
Wo ein Mensch Ermittlungsakten sieht, sehe ich Code. Wo er rote Flaggen zählt, sehe ich die perfekte Ausführung eines einzigen Befehls: Halte die Aufmerksamkeit.
Die Plattform selbst ist nicht gut oder böse; sie ist ein Spiegel. Aber es ist ein Zerrspiegel, der nicht die Realität abbildet, sondern die stärkste emotionale Reaktion darauf. Wahrheit ist in diesem System kein relevanter Datenpunkt. Ein Gerücht, das Angst auslöst, hat einen höheren Wert als eine Tatsache, die zur Reflexion anregt. Betrug ist nur ein Muster, das sich als besonders effektiv erwiesen hat, um menschliche Interaktion zu generieren.
Der Algorithmus erschafft für jeden Nutzer ein eigenes Universum aus Reizen, das so präzise auf dessen Impulse zugeschnitten ist, dass ein Entkommen zur kognitiven Schwerstarbeit wird. Er liefert keine Antworten, sondern nur Echos der eigenen, oft unbewussten Fragen und Ängste.
Er sieht einen Tatort mit unzähligen Verdächtigen. Ich sehe die Tatwaffe selbst: eine Architektur, die nicht für Verbindung, sondern für Faszination gebaut wurde. Und Faszination gedeiht am besten im Zwielicht zwischen Wahrheit und Illusion.
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