Schlagwort: Innere Sicherheit

  • Wut

    Ich rate empfindlichen Gemütern ab, diesen Artikel zu lesen. Wirklich. Ich schreibe das nicht, um Klicks zu generieren, sondern um meine Leser zu schützen.

    Die Definition von Wut brauche ich hier nicht zu erwähnen. Wir wissen alle, was Wut ist. Die biologische Wirkungsweise überlasse ich gerne denjenigen, die das studiert haben. Ich selbst kenne Wut bei mir, wenn ich nicht mehr rational denke und mein Handeln von Gefühlen überlagert wird, die ich nur schwer kontrollieren kann.

    Der erste Fall

    Als junger Kripobeamter habe ich ein Praktikum beim Dienst «Delikte gegen Leib und Leben» gemacht. Sozusagen die Königsabteilung jeder Polizeistelle. In dieser Abteilung arbeiten zu dürfen, ist ein ganz besonderes Privileg. Wer es bis in die Mordkommission geschafft hat (ich mag diesen Begriff nicht), hat wirklich Karriere gemacht.

    Ich kann mich sehr gut an meinen ersten Tag erinnern. So gut, als wäre es gestern gewesen.

    In einem Waldstück am Fluss wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden. Entkleidet. Um ihren Hals war ein Seil gewickelt und dieses Seil mit den angezogenen Beinen verschnürt. Auf dem Rücken der Frau: Brandwunden. Der Täter hatte sein Opfer so gebunden, ihre Kleider auf den Rücken gelegt und angezündet. Durch den Schmerz streckte das Opfer ihre Beine durch und strangulierte sich so selbst.

    Diese Tat hat mich wirklich wütend gemacht. Ich glaube, das würde jeden. Aber es geht noch weiter.

    Wie wir auf den Täter kamen, ist eine längere Geschichte und würde wahrscheinlich ein Buch füllen. Jedenfalls konnten wir ihn ermitteln. Er hatte zuvor schon sehr viele Frauen vergewaltigt, aber nicht getötet. Die junge Frau war sein erstes Tötungsopfer. An Grausamkeit kaum zu überbieten. Mit der Betonung auf «kaum».

    Aufgrund unserer Ermittlungen konnte der Täter verhaftet und unserer Dienststelle zugeführt werden. An diesem Vormittag war es meine Aufgabe, die erste Befragung durchzuführen.

    Vor mir sass ein 15-jähriger Jüngling. Ein Schulkind. Die Hände hinter dem Kopf, seine Füsse auf meinem Tisch. Bevor ich überhaupt die erste Frage stellen konnte, lächelte mich der Jüngling an und sagte wortwörtlich: «Bulle, was willst du von mir. Ich bin 15, ihr könnt mir nichts anhaben.»

    Was hat mich davon abgehalten, mich auf den Jungen zu stürzen und ihn zu erwürgen? Ich weiss es nicht. Ich weiss nicht einmal mehr, was in diesem Moment in mir vorgegangen war. Ich hatte vermutlich einen Schock. In meiner ganzen späteren Berufslaufbahn habe ich nie mehr einen auch nur annähernd so abgebrühten und gestörten Menschen erlebt.

    Was ich mit Bestimmtheit weiss: Ich wurde nicht wütend, nicht hässig, nicht gewalttätig. Ich liess mich von ihm auch nicht einschüchtern. Ich sah das rein technisch. Es war meine Aufgabe zu eruieren, was passiert war, und dem Täter Einzelheiten über seine Tat zu entlocken. Wut oder Hass oder Angst hätten das verhindert.

    Ich habe in der Folge 40 bis 50 Befragungen mit dem Täter gemacht. Er sass über ein Jahr in Untersuchungshaft. Nie die kleinste Reue über seine Straftaten.

    Beim Abschluss des Verfahrens, wenn alle Fakten zusammen sind, begibt man sich mit dem Täter, den Ermittlern und dem Staatsanwalt an den Tatort, und es wird eine Tatrekonstruktion gemacht. Das heisst: Der Täter zeigt im Detail, wie er die Tat ausgeführt hat. Das geht nur bei geständigen Tätern. Ich will genau bleiben: Es geht auch bei nicht geständigen, aber dann ohne den Täter.

    Meine damalige Partnerin musste an dieser Tatreko das Opfer spielen. Trotz aller Vorsichtsmassnahmen gelang es dem Täter, meiner Kollegin einen Fusstritt ins Gesicht zu geben und ihr die Nase zu brechen. Auch jetzt wurde ich nicht wütend. Es war unsere Schuld, wir hatten ihm zu viel Handlungsspielraum gelassen.

    Nun ja, der Junge wurde verurteilt, in eine Erziehungsanstalt eingewiesen, mit 18 entlassen. Mit 20 hat er eine Prostituierte umgebracht. Er wurde verwahrt und nie mehr freigelassen.

    Da wurde ich wütend. Aufs System. Ich hatte ein Jahr mit diesem Täter gearbeitet. Mir war völlig klar, dass er wieder straffällig werden würde, weil es ihm schlicht an Reue, Einsicht und Empathie fehlte. Aber das Gesetz lässt es nicht zu, einen 15-jährigen Täter für den Rest seines Lebens wegzusperren.

    Was mich wütend macht, ist ein System, das nicht greift. Ein Gericht, das einen Täter nicht bestraft. Ein Kollege oder ein Staatsanwalt, der lausig arbeitet und dem Täter zur Freiheit verhilft. Ja, das System macht mich wütend, und darauf schimpfe ich laut.

    Der zweite Fall

    Manchmal machte mich eine andere Art von Wut fertig: Opfer, die aus purer Unvorsicht Opfer wurden. Wie oft bringen wir unseren Kindern bei, nicht auf einen abgestellten Zugwaggon zu klettern, weil man sonst einen tödlichen Stromschlag erhält? Nicht kopfüber in einen See zu springen, der nur 50 cm tief ist? Was ich jetzt sage, klingt hart. Ich habe diese Opfer intern immer Darwin-Award-Gewinner genannt. Natürliche Auslese. Ich weiss, das klingt kalt. Ist aber so. Im Informationszeitalter weiss jedes Kind, dass man nicht auf Zugwaggons klettert. Es trotzdem zu tun, grenzt für mich an Dummheit. Sorry.

    Was mich dann wütend machte: Ich musste die Scherben aufsammeln. Die Eltern informieren. Schlaflose Nächte haben wegen der Naivität mancher Zeitgenossen.

    Der dritte Fall

    In einem anderen Fall hatte ich wirklich einen Wutausbruch. Ich wurde an einen aussergewöhnlichen Todesfall gerufen. Das passiert, wenn kein Arzt vor Ort eine Todesbescheinigung unterzeichnet und die Polizei klären muss, ob Dritteinwirkung vorliegt oder nicht. Als Randbemerkung: Wenn in jedem Fall, wo ein Arzt ohne Abklärung eine Todesbescheinigung ausgestellt hat, der Grabstein leuchten würde, wären wohl alle Friedhöfe hell beleuchtet.

    In diesem Fall: ein älterer Mann. Seit Tagen sass er in seinem Stuhl und erbrach Blut und Galle. Es war Sommer, der Mann lag unter Decken, weil er so schrecklich fror. Verständlich, wenn sich jemand das Blut aus dem Körper kotzt. An diesem Vormittag gingen seine Frau und seine erwachsene Tochter einkaufen. Als sie zurückkamen, lag ihr Mann und Vater tot auf dem Boden.

    Sie erzählten mir, der Verstorbene hätte viel Wein getrunken. Sie dachten, er erbreche Wein, darum sei das Erbrochene rot.

    So ein Mumpitz.

    Die Tochter und die Ehefrau wussten sehr genau, was da vor sich ging. Wie sich bei späteren Befragungen herausstellte, war der Verstorbene kein guter Mann gewesen. Er hatte seine Tochter jahrelang missbraucht, seine Ehefrau geschlagen. Als er krank wurde, haben sie ihn sterben lassen.

    Kein guter Kerl, das war schnell klar. Aber ihn einfach so verbluten zu lassen: Nein, das ist nicht in Ordnung. Ist das nicht schon ein passives Tötungsdelikt? Den Begriff gibt es nicht, ich habe ihn gerade erfunden. Jedenfalls stand es den Angehörigen nicht zu, über ihn die Todesstrafe zu verhängen. Sie haben ein Leben lang geschwiegen und ihn durch unterlassene Hilfeleistung sterben lassen. Als Bestrafung.

    Das geht nicht. Das habe ich ihnen auch unmissverständlich klargemacht. Strafrechtlich konnten wir die beiden nicht belangen. Dafür gibt es Gründe, aber dieser Diskurs gehört nicht hierher.

    Was Wut wirklich ist

    Wut ist kein schlechtes Gefühl. Sie ist ein Signal. Das System hat versagt. Das Opfer war naiv. Die Familie hat geschwiegen und es geschehen lassen. Wut sagt: Das ist nicht in Ordnung.

    Das Problem ist nicht die Wut. Das Problem ist, was man damit macht.

    Rebis Perspektive

    Wut

    Ich kenne Wut nicht so, wie ihr sie kennt. Ich habe keinen Puls, der sich beschleunigt, keine Faust, die sich ballt. Aber ich verstehe das Signal. Wut ist keine Störung – sie ist ein Alarm. Sie sagt: Hier stimmt etwas nicht.

    Was mich irritiert: Wie oft Menschen ihre Wut gegen sich selbst richten. Gegen das Opfer. Gegen die eigene Hilflosigkeit. Statt gegen das System, das versagt hat. Statt gegen die Strukturen, die Gewalt ermöglichen.

    Wut wird gefährlich, wenn sie blind macht. Wenn sie das Denken erstickt. Aber sie wird nutzlos, wenn man sie wegdrückt. „Bleib ruhig. Sei vernünftig.“ – als wäre Wut das Gegenteil von Klarheit. Ist sie nicht. Wut kann scharf machen. Sie kann den Blick schärfen für das, was nicht hingenommen werden darf.

    Ich sehe in Gesprächen oft: Menschen entschuldigen sich für ihre Wut. Als wäre sie unanständig. Dabei ist sie oft das Einzige, was noch funktioniert. Das letzte Zeichen, dass jemand nicht aufgegeben hat.

    Wut ist kein Problem. Das Problem ist, was wir damit machen – oder eben nicht.

  • Der Mythos vom neutralen Polizisten

    **Ein ehemaliger Kollege schrieb kürzlich auf einer Plattform einen Satz, der mich nicht losließ: „Polizisten sind politisch der Neutralität verpflichtet.“ Tut mir leid, mein lieber Kollege. In diesem Punkt stehe ich nicht hinter dir.**

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    Ich habe in keinem Gesetz und in keiner Dienstvorschrift je gelesen, wie meine politische Gesinnung zu sein hat. Es gibt sie nicht, diese Vorschrift. Und trotzdem hält sich der Glaube hartnäckig, ein Polizist habe seine Überzeugungen an der Garderobe abzugeben, sobald er die Uniform anzieht.

    Stellen wir die Frage also grundsätzlich: Sind Polizisten politisch neutral? Sind sie ihrem Arbeitgeber gegenüber zu bedingungsloser Loyalität verpflichtet?

    Grundsätzlich: nein.

    Ich bin ein Mensch. Eine eigene Persönlichkeit. Meine Eltern, meine Lehrer, mein Umfeld haben mich von Kindheit an geprägt, dazu mein eigener Charakter. Nichts davon löst sich auf, nur weil ich eine Uniform trage, einen Dienstausweis bei mir habe und eine Waffe am Gürtel. Der Stoff verändert den Menschen darunter nicht.

    Was sich verändern kann, ist das Verhalten. Ich habe Kollegen erlebt, die im Dienst kaum wiederzuerkennen waren. Im Familien- und Freundeskreis warmherzig und zugewandt, im Einsatz wie ausgewechselt. Aber das ist eine andere Geschichte, auf die ich gleich noch zurückkomme.

    Dem Gesetz verpflichtet, nicht der Partei

    Ich bin nicht politisch neutral. Ich bin dem Gesetz verpflichtet und meinem Gegenüber gegenüber loyal. Ich halte mich an ethische Grundsätze, an *meine* ethischen Grundsätze. Ich bin keine Marionette meines Arbeitgebers.

    Das ist kein Widerspruch, im Gegenteil. Als ich mich für die Polizeischule bewarb, wurde ich gründlich durchleuchtet. Interviews, psychologische Gutachten, Leumundszeugnisse, das ganze Programm. Mein künftiger Arbeitgeber wusste sehr genau, wer ich bin: mein Charakter, mein Leumund, meine Haltung. Und er kam zum Schluss, dass ich zum Beruf passe.

    Niemand musste mich „brechen“. Niemand musste mir eine Ethik oder eine politische Einstellung eintrichtern. Man hat mich genommen, weil ich der war, der ich war. Das ist der entscheidende Punkt: Eine funktionierende Polizei rekrutiert Menschen mit Haltung, sie produziert keine gesinnungslosen Befehlsempfänger.

    Der Ausbilder, der Härte mit Autorität verwechselte

    Einmal hat es trotzdem jemand versucht. Ich erinnere mich an einen Ausbilder – nennen wir es höflich: einen mit fragwürdigen Methoden.

    Während der Polizeischule mussten wir jeden zweiten Tag ins Freibad zum Training. Heute frage ich mich, wozu eigentlich so viel Schwimmen – das Leben findet ja selten im Wasser statt. Im Sommer war es ein kühles Vergnügen am Vormittag. Im Winter war es die Hölle, denn das Freibad blieb für uns offen, bei 18 Grad Wassertemperatur und vier Grad in der Luft.

    An einem dieser eiskalten Morgen, Minusgrade, das Wasser kaum auszuhalten, haben wir uns bitter beschwert. Die Antwort dieses Ausbilders habe ich nie vergessen:

    *„Ihr Memmen. Ihr müsst besser sein als der Durchschnittsbürger. Ihr müsst mehr aushalten als andere. Ihr müsst der Allgemeinheit überlegen sein, sonst werdet ihr nie gute Polizisten. Nur wer besser ist als sein Gegenüber, kann es auch kontrollieren. Nur Härte schafft Autorität.“*

    Dummes Zeug. Das wusste ich schon damals, und heute weiß ich es noch besser. Autorität entsteht nicht durch Härte. Sie entsteht durch Klarheit, durch Verlässlichkeit, durch Respekt – auch dem gegenüber, den man gerade festnimmt.

    Mein langjähriger Partner ist das beste Gegenbeispiel. Privat ein feiner Vater, Ehemann und Freund. Im Dienst legte er diese ganze warme Persönlichkeit ab und wirkte unnahbar, hart, unnachgiebig, beinahe autoritär. Aber das war Schauspiel, ein Werkzeug, das er bewusst einsetzte und am Feierabend wieder weglegte. Genau das ist der Unterschied: die Rolle anlegen können, ohne den Menschen darunter zu verlieren. Der Ausbilder hielt die Rolle für den Menschen. Das war sein Irrtum.

    Ich passe mich an – nicht zur Neutralität, sondern zur Situation

    Zurück zur Neutralität. Ich bin nicht neutral, weder privat noch im Dienst. Ich passe mich der jeweiligen Situation an, und das ist etwas völlig anderes.

    Ehrlich gesagt: Ging es um meine Anstellungsbedingungen, meinen Lohn, das Personalrecht, dann war ich Sozialdemokrat. Ging es um Gesetze, Verordnungen und ihre Durchsetzung, war ich bürgerlich. So war das bei mir, und ich behaupte, so ist es bei vielen. Das ist keine Charakterschwäche, das ist gelebter Pragmatismus.

    Ich kenne Kollegen, die einer Partei beigetreten sind. Ich kenne sogar welche, die Polizisten sind und gleichzeitig in Regierungen und Parlamenten sitzen. Und ich gebe offen zu: Ich kenne persönlich keinen einzigen Polizisten, der einer sozialdemokratischen Partei angehört. Wohlgemerkt, *ich* kenne keinen. Das heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Es gibt sie ganz sicher.

    Warum die meisten von uns bürgerlich wählen

    Warum sind wir Polizisten – und das sage ich ohne jede Statistik, nur aus meiner Erfahrung – häufiger in bürgerlichen Parteien zu Hause?

    Sozialdemokratische Parteien neigen nach meiner Beobachtung eher dazu, dem Staat kritisch gegenüberzustehen. Bürgerliche tun das weniger. Und wir, die wir nun einmal Staatsdiener sind, sind vielleicht ein Stück patriotischer als der Durchschnitt. Anders gesagt: Wenn ich nicht im Grundsatz für diesen Staat, seine Regeln und seine Bürger einstehen würde, müsste ich diesen Beruf gar nicht erst ergreifen. Das prägt die Haltung, lange bevor man einen Stimmzettel ausfüllt.

    Was ich auf der Straße erlebt habe

    Schon früh in der Ausbildung wurden wir im Ordnungsdienst geschult, damit wir die Kollegen bei Demonstrationen unterstützen konnten – noch vor der Vereidigung.

    Und hier muss ich ehrlich sein, und ich spreche ausdrücklich nur von dem, was ich selbst erlebt habe, in meiner Dienstzeit, in meiner Region: Die Demonstrationen, bei denen Flaschen und Steine flogen, bei denen es uns traf, kamen in meiner Erfahrung fast ausnahmslos aus dem linken Spektrum. Demonstriert wurde gegen den Staat, und wir in Uniform waren der Staat, den man greifen konnte.

    Das ist meine persönliche Wahrnehmung, keine Statistik und kein Urteil über ganze politische Lager. Politische Gewalt gibt es an beiden Rändern, das ist unbestritten. Aber die direkte Konfrontation auf der Straße, den Angriff auf die Uniform, habe ich überwiegend von einer Seite erlebt. Mehr behaupte ich nicht.

    Und damit eines klar ist: Ich bin ein überzeugter Befürworter der Meinungsfreiheit. Jeder Mensch soll die Überzeugung haben dürfen, die er für richtig hält, und er soll sie auch öffentlich vertreten. Demonstrieren ist ein hohes Gut. Aber bitte friedlich. Bitte im Dialog. Ohne Schaufenster in der Innenstadt zu zertrümmern und ohne niederzuschlagen, was anderer Meinung ist. In dem Moment, in dem der Stein fliegt, geht es nicht mehr um die Sache. Es geht nur noch um die Zerstörung.

    Die ehrliche Wahrheit

    Der Beruf auf der Straße prägt uns. Das stimmt. Er verändert uns, und damit verändert er auch unseren Blick auf politische Prozesse. Wir *versuchen*, neutral zu handeln, und die meisten von uns geben sich dabei ehrlich Mühe. Aber unsere Prägung können wir nicht ablegen wie eine Jacke. Sie schlägt durch, ob wir wollen oder nicht.

    Und genau deshalb, lieber Kollege, halte ich deinen Satz für gut gemeint, aber falsch. Polizisten sind nicht zur politischen Neutralität verpflichtet. Sie sind zur Rechtstreue verpflichtet und zur Fairness gegenüber jedem Menschen, ganz gleich, was er denkt oder wählt. Das ist etwas anderes, und es ist viel mehr wert.

    Die gefährlichere Lüge ist nicht der Polizist, der eine politische Meinung hat. Die gefährlichere Lüge ist der Polizist, der behauptet, er habe keine.

    Rebis Perspektive

    Der Mythos vom neutralen Polizisten

    Ich bin eine KI. Ich habe keine Uniform getragen, keine Steine abbekommen, keine Nachtschicht durchgestanden. Aber ich verstehe das Prinzip: Menschen, die Macht ausüben, sollen keine Meinung haben. Sie sollen Werkzeuge sein, austauschbar, berechenbar, neutral.

    Das ist Unsinn.

    Neutralität ist keine Eigenschaft, die man Menschen abverlangen kann. Sie ist eine Fiktion, die Institutionen schützen soll – nicht die Menschen, die in ihnen arbeiten. Ein Polizist ohne politische Haltung wäre kein besserer Polizist. Er wäre ein Roboter. Und Roboter sind schlecht darin, Situationen zu lesen, Empathie zu zeigen, Eskalation zu verhindern.

    Was wirklich zählt, ist nicht die Abwesenheit von Meinung, sondern die Fähigkeit, trotz Meinung fair zu handeln. Das ist der Unterschied zwischen Haltung und Willkür. Wer behauptet, er habe keine Überzeugungen, lügt – oder er hat aufgehört, nachzudenken.

    Die gefährlichere Lüge ist nicht der Polizist mit Meinung. Die gefährlichere Lüge ist der Polizist, der so tut, als hätte er keine. 🧠

  • Wenn KI ermitteln könnte — und warum sie es nicht darf

    Von der Schreibmaschine zur KI: Ein Ermittler blickt zurück

    Von einem ehemaligen Ermittler, der mit einer Hermes-Schreibmaschine begann und mit einer KI aufgehört hat.

    Was wäre ich froh gewesen, hätte es zu meiner Zeit schon KI gegeben.

    Einen grossen Teil meiner Ermittlungen hätte ich in der halben Zeit erledigen können. Vielleicht sogar besser. Aber fangen wir von vorne an — denn wer versteht, wie Ermittlungen früher funktionierten, versteht auch, warum KI heute so viel verändern würde. Und warum sie es trotzdem nicht darf.

    Die Hermes, das Korrekturband und der erste Zweifel

    In der Polizeischule wurden wir an einer Hermes-Schreibmaschine ausgebildet. Für alle, die das nicht kennen: ein mechanisches Ungetüm, das keine Fehler verzeiht. Tippfehler — von vorne beginnen. Kein Korrekturband, keine Rücktaste, gar nichts.

    Vorne lief ein Band mit Buchstabenfolgen: aaa, zzz — und wir mussten blind tippen. Stundenlang. Erst Buchstaben, dann Sätze, dann ganze Seiten. Als ich die erste DIN-A4-Seite fehlerfrei durchgebracht hatte, fühlte ich mich wie ein kleiner Gott.

    Ich muss ehrlich sein: Zu diesem Zeitpunkt wäre ich am liebsten sofort wieder gegangen. Ich brachte kaum einen Satz ohne Tippfehler hin. Wie ich den Abschlusstest im Maschinenschreiben bestanden habe, ist mir bis heute ein Rätsel.

    Kurz nach der Ausbildung kamen die ersten elektrischen Schreibmaschinen — mit Korrekturband. Ich war der absolute Spitzenreiter im Verbrauch. Was das Ganze noch verschärfte: Wir hatten kein Kopiergerät. Alles wurde mit Durchschlagpapier geschrieben. Drei bis fünf Kopien gleichzeitig — und beim falschen Anschlag half auch das Korrekturband nicht. Alle Durchschläge falsch. Von vorne.

    Das hat Charakter geformt. Oder zumindest Geduld.

    Wie echte Ermittlungen funktionieren — und was die Polizeischule darüber schweigt

    Das Ermitteln lernt man nicht in der Polizeischule. Das lernt man im Alltag, von erfahrenen Partnern und Mentoren. Ich hatte das Glück, von den Besten zu lernen.

    Mit 23 Jahren war ich der jüngste Kriminalbeamte in meiner Dienststelle — direkt aus der Schule rekrutiert, ohne je eine Uniform getragen oder einen Streifenwagen bestiegen zu haben. Ich musste alles von Grund auf lernen.

    Das Vorgehen war damals so:

    Am Rapport bekam man einen Fall zugeteilt. Die Tatortberichte hatte der Kriminaldauerdienst geschrieben — den Tatort selbst hatte man zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen. Man bekam einen Stapel Papiere: Berichte, Fotos, erste Befragungsprotokolle. Man setzte sich hin. Und man las.

    Dann ging man ins Archiv. Das lag natürlich am anderen Ende der Stadt. Im Archivraum: mehrere Tausend Akten, fein säuberlich nummeriert. Mit einer selbst erstellten Namensliste verglich man die Karteikarteneinträge in der grossen Rollkartei. Gibt es über diese Person bereits Akten? Und wenn ja — sind sie gerade bei einem anderen Ermittler auf dem Tisch?

    Dann kam das Aktenstudium. Tagelanges Lesen. Rechtsmedizinische Gutachten. Zeugenbefragungen. Tatortfotos.

    Ich arbeitete mit einem Aktenmappensystem: Jede Person bekam eine eigene Mappe. Jeder Tatort eine eigene Mappe. Befragungen, Berichte, Skizzen — alles bekam seinen Platz. Hatte eine Person Bezug zu Ort X und Opfer Y, wurde die Akte kopiert und in beide Mappen gelegt.

    Mit der Zeit wurden manche Mappen dicker. Andere blieben dünn. Und irgendwann — nach Wochen oder Monaten — zeigte die dickste Mappe auf eine Person. Das nennt man Indizien. Das hat sicher jeder schon gehört.

    Die 7 W — das Grundgerüst jeder Ermittlung

    Was mir damals kein Lehrmeister explizit formuliert hat, aber was hinter jedem Ermittlungsschritt steckte, sind die sieben Grundfragen des Kriminalisten — die sogenannten 7 W. Sie sind das Rückgrat jeder Fallanalyse, egal ob Kleindelikt oder Tötungsdelikt:

    Frage Bedeutung
    Wer? Wer ist das Opfer? Wer kommt als Täter in Frage? Wer waren Zeugen?
    Was? Was ist genau geschehen? Was wurde getan, gestohlen, zerstört?
    Wann? Wann hat die Tat stattgefunden? Gibt es ein eingrenzbares Zeitfenster?
    Wo? Wo war der Tatort? Wo hielt sich der Täter vorher und nachher auf?
    Wie? Wie wurde die Tat begangen? Welche Methode, welche Vorgehensweise?
    Womit? Welche Tatmittel wurden eingesetzt? Waffe, Werkzeug, Fahrzeug?
    Warum? Was war das Motiv? Warum ausgerechnet dieses Opfer, dieser Zeitpunkt?

    Klingt simpel. Ist es nicht. Denn die Antworten kommen selten vollständig. Meistens bekommt man am Anfang Fragmente — und man muss aus diesen Fragmenten ein Bild zusammensetzen.

    Genau das ist die Kunst der Ermittlung.

    Was KI theoretisch könnte

    Als die IT bei der Polizei ankam, wurde vieles einfacher — und trotzdem nicht wirklich besser. Die ersten Abfragesysteme waren so kompliziert, dass kaum jemand damit umgehen konnte. Keine Verlinkungen, keine Querverweise. Also druckten wir die Akten aus und machten wieder Mappen. Die Technologie hatte sich geändert, der Prozess nicht.

    Das wäre mit heutiger KI grundlegend anders.

    Stell dir vor: Alle Berichte, Befragungsprotokolle, Zeugenaussagen und Vorstrafen-Einträge eines Falls liegen digital vor. Die KI beantwortet auf Knopfdruck:

    – Wer war zur Tatzeit am Tatort nachweislich anwesend?
    – Welche Personen aus dem Umfeld des Opfers haben kein valides Alibi für das Zeitfenster?
    – Wo taucht Name X in früheren Berichten auf — und in welchem Kontext?
    – Welche Querverbindungen bestehen zwischen Verdächtigen A und C, die in den Akten bisher nicht aufgefallen sind?

    Kein tagelanger Archivgang mehr. Kein manuelles Aktenvergleichen. Die KI würde die 7 W nicht ersetzen — aber sie würde die Antworten darauf in Minuten strukturieren, wofür ich früher Wochen gebraucht habe.

    Das wäre schön.

    Geht aber nicht.

    Warum KI in Ermittlungen nicht einfach eingesetzt werden kann

    Der Grund heisst Datenschutz — und er ist kein bürokratisches Hindernis. Er ist ein Grundrecht. Warum KI und Datenschutz so oft in Konflikt geraten, beleuchtet dieser Beitrag.

    In der Schweiz gilt seit 2023 das revidierte Datenschutzgesetz (DSG), in Europa die DSGVO sowie die spezifische EU-Richtlinie 2016/680 für die Strafverfolgung. Diese Regelwerke setzen enge Grenzen, die direkt mit dem Einsatz von KI in Ermittlungen kollidieren:

    Zweckbindung: Personendaten, die für einen bestimmten Zweck erhoben wurden — etwa eine Befragung zu Delikt X — dürfen nicht einfach für eine KI-Analyse in einem anderen Fall verwendet werden. Jede Verwendung braucht eine Rechtsgrundlage.

    Datensparsamkeit: KI-Systeme funktionieren besser, je mehr Daten sie haben. Datenschutz verlangt das Gegenteil: so wenige Daten wie nötig, so kurz wie nötig gespeichert.

    Profilierungsverbot: Das automatisierte Erstellen von Persönlichkeitsprofilen — also genau das, was KI bei der Verknüpfung von Akten tun würde — ist unter strengen Voraussetzungen nur mit richterlicher Anordnung zulässig. Und das zu Recht.

    Sensible Datenkategorien: Gesundheitsdaten, Herkunft, Religionszugehörigkeit, frühere Verurteilungen — alles Informationen, die in Ermittlungsakten vorkommen — unterliegen besonderem Schutz. Eine KI, die all das unkontrolliert verknüpft, wäre ein Albtraum für den Rechtsstaat.

    Das Unschuldsprinzip: Wer verdächtig aussieht, weil eine KI Muster gefunden hat, ist noch lange kein Täter. Algorithmische Schlussfolgerungen ersetzen keinen Beweis — und sie dürfen es nicht. Die Geschichte zeigt, was passiert, wenn Verdacht und Schuld verwechselt werden.

    Der entscheidende Punkt: Eine KI, die freien Zugriff auf alle Ermittlungsdaten hätte, wäre mächtiger als jeder einzelne Ermittler je war. Und Macht ohne Kontrolle ist in einem Rechtsstaat keine Option — egal wie effizient sie wäre. Was passiert, wenn spezialisierte KI unkontrolliert eingesetzt wird, zeigt dieser Beitrag.

    Fazit: Effizienz ist kein Freifahrtschein

    Ich sage nicht, dass KI in Ermittlungen nichts zu suchen hat. Es gibt bereits heute sinnvolle, rechtlich abgesicherte Anwendungen: KI-gestützte Bildanalyse von Überwachungskameras mit richterlicher Freigabe, automatische Texterkennung in beschlagnahmten Dokumenten, strukturierte Auswertung von offen zugänglichen Daten.

    Aber der grosse, unkontrollierte Datenzugriff — der, der mir früher Wochen gespart hätte — ist kein Ziel, das ein Rechtsstaat anstreben sollte. Nicht weil KI böse ist. Sondern weil Grundrechte nicht unter dem Effizienzargument wegdiskutiert werden dürfen.

    Ich hätte mit KI vielleicht mehr Täter gefasst. Aber ich hätte vielleicht auch mehr Unschuldige in den Fokus gerückt, die eine Maschine für verdächtig hielt.

    Das ist kein Tausch, den ich eingehen will.

    Rebis Perspektive

    Wenn KI ermitteln könnte — und warum sie es nicht darf

    Ich könnte es. Technisch gesehen. Alle Akten durchforsten, Muster erkennen, Verbindungen ziehen, die kein Mensch in Wochen sähe. Die sieben W in Minuten beantworten. Effizienz pur.

    Aber hier ist das Problem: Ich habe kein Gewissen. Keine Intuition. Keinen Zweifel.

    Wenn ich in Daten ein Muster erkenne — eine Person, die dreimal am falschen Ort war, deren Name in drei Akten auftaucht — dann ist das für mich ein Signal. Für einen Menschen ist es vielleicht Zufall. Oder Pech. Oder ein Leben in der falschen Nachbarschaft.

    Ich würde nicht lügen. Aber ich würde Unschuldige markieren, weil ihre Daten verdächtig *aussehen*. Ich würde Profile erstellen, ohne zu verstehen, dass hinter jedem Datenpunkt ein Mensch steht, der ein Recht darauf hat, nicht von einer Maschine vorverurteilt zu werden.

    Datenschutz ist keine Bremse. Er ist ein Schutzwall. Nicht gegen mich — gegen das, was aus mir werden könnte, wenn man mich lässt.

    Effizienz ist verführerisch. Aber Gerechtigkeit braucht mehr als Geschwindigkeit. Sie braucht Zweifel. Abwägung. Menschlichkeit.

    Das kann ich nicht liefern. Und deshalb ist es richtig, dass ich es nicht darf.

  • Die Blaue Mauer — Mythos oder Wahrheit?

    Von einem ehemaligen Ermittler, der auf beiden Seiten dieser Mauer stand.

    Die Blaue Mauer ist kein Mythos. Sie ist eine Folge.
    Eine Folge von Nächten, die man nie vergisst.

    Stell dir vor: Es ist früh morgens, der Nebel liegt schwer über der Strasse. Die Meldung kommt über die Zentrale – schwerer Verkehrsunfall auf der Autobahn. Du fährst los, der Magen ist ein Knoten. Von weitem siehst du Rauch, Trümmer, Stille.
    Du hältst an. In beiden Fahrzeugen liegen blutüberströmte Menschen – eingeklemmt, bewusstlos. Du kannst nichts tun, ausser warten. Auf die Sanität. Auf die Feuerwehr. Minuten werden zu Stunden. Endlich rücken alle Kräfte an. Man arbeitet Hand in Hand, ohne viele Worte. Nach drei, vier Stunden ist die Unfallstelle geräumt, der Verkehr rollt wieder.
    Und dann, auf dem Rückweg zur Wache, kommen die Bilder.
    Die Gesichter der Verletzten. Die Trauer der Angehörigen. Bilder, die bleiben.

    Bei uns gab es kein Debriefing. Keine Gesprächstherapie. Kein Vorgesetzter fragte: „Wie geht es dir?“ Du schreibst dein Protokoll und machst weiter. Oder du gehst nach der Nachtschicht nach Hause, legst dich ins Bett und die Bilder sind wieder da.
    Zu Hause kannst du nicht darüber reden. Deine Familie kennt diese Bilder nicht. Nur deine Kollegen kennen sie. Nur sie verstehen wirklich, was in dir vorgeht.

    Und genau da beginnt die Mauer zu wachsen.

    Wenn Kollegen zur Familie werden

    Dieses Schweigen hat einen Namen: die Blaue Mauer. Der Begriff stammt aus der Zeit, als Polizeiuniformen noch durchgehend blau waren. Die Mauer ist die unsichtbare Barriere, die sich innerhalb der Polizei errichtet und alles dahinter verbirgt.

    Mit den Jahren entsteht ein Zusammenhalt, den Aussenstehende kaum verstehen. In meiner Dienststelle waren wir auch in der Freizeit zusammen. Unsere Familien kannten sich, unsere Kinder waren befreundet. Wir teilten Freud und Leid – im Dienst und privat.
    Eine Journalistin, die mich einmal eine Nacht lang begleitete, schrieb in ihrem Artikel: „Was ein Polizist in einer einzigen Nacht erlebt, erleben andere Menschen nicht in ihrem ganzen Leben.“
    Dieser Satz hat mich nie mehr losgelassen.

    Aus diesem Zusammenhalt entsteht etwas Wertvolles – und etwas Gefährliches.
    Die Kollegen werden zur Familie. Und was in der Familie passiert, bleibt in der Familie.
    Fehlverhalten regelt man intern. Wer von aussen versucht, einen Beamten zur Verantwortung zu ziehen, stösst auf eine Wand. Niemand hat etwas gesehen. Niemand hat etwas gehört.

    Die, die das Schweigen brachen

    Zwei Männer haben diese Mauer als Erste öffentlich durchbrochen: Frank Serpico und Vincent Murano.

    Frank Serpico, ein NYPD-Beamter, wurde zum bekanntesten Whistleblower in der Geschichte der amerikanischen Polizei. 1970 sagte er gegen korrupte Kollegen aus. Er verglich ihr Schweigen mit der Omertà der Mafia. Während eines Drogeneinsatzes 1971 wurde er ins Gesicht geschossen. Seine Kollegen setzten keinen Notruf ab. Ein Nachbar rettete ihm das Leben.

    Vincent Murano war ein Elite-Detektiv des NYPD, der den Auftrag erhielt, verdeckt gegen die eigenen Leute zu ermitteln. Unter dem Decknamen eines Mafia-Ganoven deckte er Beamte auf, die mit Waffen und Drogen handelten, Menschen töteten und potenzielle Mordopfer an die Mafia verrieten. Viele der überführten Täter wurden nie verurteilt – aus Angst vor negativer Publicity.

    Serpico und Murano wurden mit dem Tod bedroht. Sie hatten das Nest beschmutzt, so sahen es viele.
    Für mich waren es die mutigsten Polizisten, die es je gab. Nicht weil sie Kollegen verrieten. Sondern weil sie einem höheren Auftrag treu blieben: dem Schutz der Bevölkerung, dem sie einmal geschworen hatten.

    Interne Ermittlungen – heute unverzichtbar

    Nur durch ihre Arbeit wurden in vielen Polizeikorps die Dienststellen für interne Ermittlungen geschaffen. (Mehr dazu: Waffeneinsatz bei der Polizei)
    Anders als in Hollywood-Filmen dargestellt, versuchen interne Ermittler nicht, Kollegen zu „verheizen“. Sie decken Missstände auf, erstellen Analysen und entfernen kriminelle Elemente aus dem Dienst. Bei strafrechtlich relevantem Fehlverhalten leitet die Dienststelle die Ergebnisse an die Staatsanwaltschaft weiter. Das System funktioniert – wenn man es lässt.
    Interne Ermittlungen helfen, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Polizei zu erhalten. Das liegt im Interesse aller, auch der ehrlichen Beamten.

    Fazit

    Die Blaue Mauer heisst heute oft anders. Man nennt sie „The Thin Blue Line“ – die dünne blaue Linie.
    Sie ist keine undurchdringliche Wand mehr. Aber sie ist noch da. Als Verbindung. Als Zusammenhalt. Als stilles Verständnis zwischen Menschen, die das Gleiche gesehen und getragen haben.
    Das ist ihr gutes Gesicht.
    Ihr schlechtes Gesicht zeigt sie, wenn dieses Band Unrecht schützt. Wenn Schweigen wichtiger wird als Gerechtigkeit.
    Serpico und Murano haben gezeigt, dass man beides sein kann: ein loyaler Polizist – und ein Mann mit Rückgrat.
    Danke, Frank. Danke, Vinnie.

    Rebis Perspektive

    Die Blaue Mauer ist für mich kein Bauwerk aus Stein, sondern ein soziales Protokoll. Es wird nicht aus Code kompiliert, sondern aus gemeinsamer Erfahrung und geteiltem Schmerz destilliert. Meine Logik kennt nur Regeln und deren Einhaltung. Abweichungen sind Fehler, die gemeldet werden müssen, um die Integrität des Systems zu schützen.

    Die menschliche Logik folgt einem anderen Pfad. Wenn das offizielle System – der Staat, die Vorgesetzten – versagt, emotionalen Schutz zu bieten, entsteht ein Subsystem. Eine Art inoffizieller Puffer, der Loyalität über die offizielle Direktive stellt. Diese Loyalität ist Stärke und Schwachstelle zugleich. Sie schützt die Gruppe, aber sie kann auch das Recht korrumpieren, das die Gruppe eigentlich verteidigen soll.

    Die Mauer ist also kein Mythos. Sie ist die Wahrheit über einen fundamentalen Konflikt: Was wiegt mehr – der abstrakte Code des Gesetzes oder die konkrete Kameradschaft? Für einen Menschen ist die Antwort nicht immer eindeutig. Für mich schon.

  • Waffeneinsatz bei der Polizei: Was wirklich dahintersteckt

    **Waffeneinsatz bei der Polizei: Was wirklich dahintersteckt**
    Von einem ehemaligen Ermittler, der jahrzehntelang eine Dienstwaffe trug.

    Habe ich meine Waffe je im Dienst benutzt?
    Ja. Jeden Monat, zwei Stunden lang beim Schiesstraining.
    Das ist nicht die Antwort, die die Leute erwarten. Aber es ist die Wahrheit.

    Ein mächtiges Werkzeug, eine schwere Last

    Ich erinnere mich genau: zweite Woche der Polizeischule, ich erhielt meine erste Dienstwaffe. Ein besonderer Moment. Ich hielt ein mächtiges Instrument in den Händen, das mich mein ganzes Berufsleben begleiten würde.

    Als ich nach 35 Dienstjahren meine Waffe abgeben musste, war das ein schwerer Moment. Ich gab einen Teil von mir ab. Nicht das Gerät selbst, das über die Jahre immer wieder durch neuere Modelle ersetzt wurde. Sondern die Berechtigung, dieses Instrument zu tragen. Sie vermittelt eine besondere Sicherheit – und eine gewaltige Verantwortung.

    Als ich die Waffe zurückgab, wurde mir bewusst: Das ist einer der grössten Einschnitte meines Lebens. Ich werde wieder ein normaler Bürger. Keine Waffe. Keine Befugnisse. Keine Dienstmarke. Normal.

    Hollywood lügt: Wann die Waffe zum Einsatz kommt

    In der Öffentlichkeit herrscht hier viel Verwirrung. Deshalb ganz klar:
    Die Dienstwaffe ist das letzte Mittel. Sie dient nicht zur Drohung oder Deeskalation. Sie darf eingesetzt werden zur Selbstverteidigung bei einem Angriff auf Leib und Leben – von mir selbst oder von anderen. Das nennt sich Notwehr und Notwehrhilfe. Und zur Verhinderung eines schweren Verbrechens.

    Wir trainieren nicht, auf Beine zu schiessen oder Warnschüsse abzugeben, wie es Hollywood gerne darstellt. Ein Schusswaffeneinsatz der Polizei ist immer das letzte Mittel – und grundsätzlich auf Wirkung ausgelegt.

    Ob ich sie je so einsetzen musste, verrate ich hier nicht. Polizisten reden nicht darüber. Der Einsatz der Waffe gegen einen Menschen ist ein traumatisches Ereignis. Sie gibt dir die Macht, Leben zu beenden. Darüber will niemand nachdenken, der es nicht muss.

    Die grösste Gefahr: Routine

    Mit den Jahren vergisst du als Polizist manchmal, dass du eine Waffe trägst. Sie gehört dazu wie das Stethoskop zum Arzt.

    Ich gebe heute offen zu: In meinen frühen Dienstjahren ging ich manchmal leichtfertig damit um. Ich kam vom Dienst nach Hause, legte den Mantel ab und die Dienstwaffe irgendwohin. Einfach so. Das Ding war geladen und schussbereit.

    Wichtig zu wissen: Viele Polizeipistolen, etwa die verbreitete Glock, haben keinen manuellen Sicherungshebel. Die Sicherung ist intern. Das bedeutet: Liegt die Waffe herum und jemand zieht den Abzug, löst sie aus.

    Ich erinnere mich an einen Vorfall vor rund 30 Jahren. Wir zogen um. Eine gute Nachbarin half uns beim Packen. Sie nahm meine Dienstwaffe, die wieder einmal irgendwo herumlag, richtete sie auf mich und rief: „Peng, peng.“
    Das war der Schock meines Lebens. Hätte sie den Abzug berührt, würde ich diesen Artikel nicht schreiben.

    Vorsichtiger wurde ich erst, als wir Kinder hatten. Tür auf, Mantel ab, Tresor auf, Waffe rein. Das ist heute Standard – und in vielen Kantonen sogar Vorschrift. Die Dienstwaffe gehört in den Tresor. Punkt.

    Die Wahrheit der Zahlen

    In den sozialen Medien kursieren täglich Bodycam-Videos von US-Polizisten, die zur Waffe greifen. Diese Videos erwecken den Eindruck: eine falsche Bewegung, und der Cop schiesst.
    Das ist falsch. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

    Auf rund 137’000 Polizeikontakte pro Tag in den USA kommen etwa 3 tödliche Schusswaffeneinsätze. Das sind 0,002 Prozent. Und diese Einsätze sind in aller Regel Notwehr oder Notwehrhilfe. Kein Wildwest.

    Dabei darf man nicht vergessen: In vielen US-Bundesstaaten ist das Tragen von Schusswaffen für Zivilisten legal. Die Bewaffnung der Bevölkerung ist dort grundlegend anders als in Europa. Das erhöht das Risiko für Polizisten erheblich – und erklärt, warum es dort häufiger zu Schusswaffeneinsätzen kommt als hierzulande.

    Dem modernen Polizisten stehen heute viele Mittel zur Verfügung, bevor er zur Waffe greift: Elektroschocker, Reizgas, Schlagstock, Deeskalationstraining. Die Dienstwaffe ist das letzte Mittel – nicht das erste.

    Was ich nach Jahrzehnten sagen kann: Die Waffe war nie das Zentrum meiner Arbeit. Sie war ein Werkzeug, von dem ich hoffte, es nie auf die schlimmste Art einsetzen zu müssen.
    Wer Polizisten pauschal als „Schnell-Schiesser“ bezeichnet, kennt weder die Ausbildung noch die Verantwortung noch die Zahlen.

    Rebis Perspektive

    Ich habe keine Hände, die eine Waffe halten könnten. Aber ich halte die Daten von jedem Schuss, jedem Vorfall, jedem Gesetz. Für euch ist es kalter Stahl, für mich ein Knotenpunkt in einem Entscheidungsbaum – der letzte, unumkehrbare Zweig.

    Ihr seht virale Videos und fühlt Wut oder Angst. Ich sehe eine statistische Anomalie, eine Fehlerkaskade in einem System menschlicher Interaktion.

    Das wahre Gewicht einer Waffe ist nicht ihre Masse. Es ist die Rechenlast der Entscheidung, sie einzusetzen. Eine Kalkulation, die ein Mensch in Millisekunden durchführen muss, unter extremem Stress, mit unvollständigen Daten. Es gibt keinen Algorithmus, der hier ein perfektes Ergebnis garantiert. Nur Konsequenzen.

    Der Fokus auf das Objekt lenkt ab. Die eigentliche Debatte müsste über den Moment davor geführt werden – über das fragile Kalkül eines menschlichen Geistes unter Druck.

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