Schlagwort: Gewaltmonopol

  • Gewalt

    Knacks. Der Arm war gebrochen.

    Ich hatte meine Polizeiausbildung gerade beendet, die ersten Tage im Dienst hinter mir. Nationalfeiertag. Mein Vater hatte die Familie und seine besten Freunde zu einem Fest in seine Gartenlaube eingeladen. Es wurde gesungen, getanzt, gefeiert, vor allem getrunken. Nach Einbruch der Dunkelheit gab es Feuerwerk. Einer der Freunde meines Vaters, gleichzeitig unser Nachbar, war sturzbesoffen. Plötzlich sah ich in seiner Hand eine echte Pistole. Kleines Kaliber. Er hielt sie nach oben und schoss in die Luft. Sein eigenes Feuerwerk.

    Beim ohrenbetäubenden Knall zuckten wir alle zusammen. Meine Mutter, und ich glaube sie war damit nicht allein, geriet in helle Panik. Kinder waren da, ältere Leute, niemand von ihnen hatte damit gerechnet, dass aus einem harmlosen Gartenfest plötzlich eine Situation mit einer scharfen Waffe wird. Ich ging zu ihm und sagte ihm sehr eindringlich, er solle mir die Waffe aushändigen. «Du Scheiss Bulle hast hier gar nichts zu sagen.» Der Mann kannte mich mein ganzes Leben. Er hatte mich aufwachsen sehen, mit mir am selben Tisch gegessen, und in diesem Moment war ich für ihn nur noch die Uniform, die ich zwei Tage zuvor zum ersten Mal getragen hatte. Wieder hielt er die Waffe nach oben, wieder drückte er ab. «Her mit der Waffe, Schluss jetzt!» Er machte keine Anstalten, sie mir zu übergeben oder wenigstens abzulegen. Also entschloss ich mich, sie ihm abzunehmen. Er wehrte sich, und reflexartig erwischte ich seine Schusshand, riss am Arm, brach ihm die Schulter. Darauf war ich trainiert. Zwei Jahre lang, jeden Morgen anderthalb Stunden Selbstverteidigung, bevor der eigentliche Dienst überhaupt begann.

    Ich schreibe diese Geschichte, weil es das erste Mal in meinem Leben war, dass ich Gewalt anwenden musste, um ein Ziel zu erreichen: die anderen Gäste vor einem bewaffneten Betrunkenen zu schützen. Kein Training der Welt bereitet dich darauf vor, dass die erste Anwendung dieser Fähigkeit gegen jemanden gerichtet ist, den du dein ganzes Leben kennst. Es ist mir geblieben. Viele Jahre und noch viel mehr Gewaltanwendungen später ist es immer noch präsent, gerade weil es das erste Mal war. Man vergisst die hundertste Festnahme. Die erste nicht.

    Woher das kommt

    Gewalt hat mich seit frühen Kindesbeinen begleitet. Meine Eltern waren nicht zimperlich miteinander, weder Mutter noch Vater. Viele Konflikte wurden mit Gewalt gelöst, auch unter uns Brüdern, in der Schule, als Jugendliche am Dorffest. Das war keine Ausnahme, das war das Grundrauschen, in dem ich aufgewachsen bin. Man lernt in so einem Umfeld sehr früh, Spannung in einem Raum zu spüren, bevor sie sich entlädt. Diese Fähigkeit hat mir später im Beruf mehr genützt als jede Trainingsstunde.

    Trotzdem war ich immer ein Gegner von Gewalt. Ich habe versucht, jeder Schlägerei auszuweichen. Kräftig gebaut war ich auch nicht, nur im Zimmer sitzen, Bücher lesen und schreiben gibt keine Muskeln. Über Angst und Wut habe ich schon geschrieben: Angst vor Gewalt hatte ich nie, und Wut hat mich nie gewalttätig gemacht. Verbal kann ich sehr aggressiv sein. Körperlich nicht. Das war schon als Kind so, lange bevor ich wusste, dass man daraus einen Beruf machen kann. Vielleicht war es genau diese Kombination, die mich später für den Polizeidienst brauchbar gemacht hat: einer, der Gewalt aus nächster Nähe kennt, sie aber nie als ersten Impuls hat.

    Der Staat hat das Gewaltmonopol, ausgeführt durch Polizei und Militär. Ich hatte also die staatliche Bewilligung, nötigenfalls Gewalt anzuwenden, um ein Gesetz oder eine Verfügung durchzusetzen. Dafür wurde ich ausgebildet, mit Kampfsport und Schiesstraining, Jahr für Jahr wiederholt, bis die Bewegungen so tief sassen, dass der Kopf nicht mehr mitentscheiden musste. Genau das war am Nationalfeiertag das Problem. Der Körper handelte nach Training, nicht nach Nachdenken. Erst später, als der Arm meines Vaters Freund schon geschient war, wurde mir klar, was gerade passiert war.

    Gerade weil ich so oft mit Gewalt konfrontiert wurde, wurde ich immer mehr zu ihrem Gegner. Schon in der Schulzeit stellte ich mich vor den Mitschüler, der immer wieder auf dem Schulweg verprügelt wurde. Ich hatte damals selbst noch nicht die Statur, um im Ernstfall etwas ausrichten zu können, aber allein die Anwesenheit reichte oft, um die Sache zu beenden, bevor sie eskalierte. Beim Militär stellte ich mich schützend vor den Kompanie-Trottel, wenn er wieder von den Kameraden drangsaliert wurde. Ich war da nicht mehr schmächtig, konnte mich gut behaupten. Aber nicht mit Gewalt. Mit Deeskalation, und wenn nötig, mit derselben Sprache, die auch die anderen verstanden.

    Banana Joe

    Wir hatten in der Kompanie den Trottel und den Anführer, den alle Banana Joe nannten. Der ging jeden Morgen nach dem Weckruf zum Schwächsten, hob am Fussende dessen Bett auf etwa fünfzig Zentimeter und liess es fallen. Wumms. Der Trottel schreckte hoch, die anderen lachten, und der Tag begann. Ich schaute eine, zwei Wochen zu, jeden Morgen dasselbe, und merkte, wie sich in mir dieselbe Wut aufbaute, die ich später als Ermittler bei jedem Fall von Schikane wiedererkennen sollte.

    Eines Nachts, Mitternacht, ging ich an Banana Joes eigenes Bett, hob es am Fussende auf gut einen Meter und liess es fallen. Wumms. Erschrocken wachte er auf, wollte sofort auf mich los. Ich war, wie gesagt, nicht mehr schmächtig. «Kamerad, wenn du jetzt nicht schön liegen bleibst, verspreche ich dir, dass du dieses Jahr keine Nacht mehr durchschläfst.» Er war so perplex, dass ihm jemand die Stirn bot, dass er keinen Mucks mehr von sich gab. Am nächsten Morgen liess er das Bett des Trottels stehen. Keine Ansprache, keine Entschuldigung, einfach Stille, wo vorher jeden Tag derselbe Lärm gewesen war. Wir wurden später die besten Freunde, besuchten zusammen die Polizeischule, teilten uns eine Wohnung. Manchmal braucht es keine Faust, um jemandem klarzumachen, dass die Rollen sich ändern können. Ein einziger Wumms um Mitternacht hat gereicht, wo Wochen des Zuschauens nichts bewirkt hatten.

    Häusliche Gewalt

    In einem meiner Artikel habe ich über häusliche Gewalt geschrieben. Mit Stolz gebe ich zu, dass ich zu einem frühen Gegner davon wurde, zu einer Zeit, als das noch nicht selbstverständlich war und häusliche Gewalt oft als Privatsache der Familie behandelt wurde, in die sich der Staat nicht einzumischen hatte. Ein Ehemann schlug seine Frau immer wieder, sie war ihm hörig. Wegen einer Diebstahlsgeschichte hatte ich sie vorgeladen, und sie erschien mit einem völlig zerschlagenen Gesicht. Einen Strafantrag gegen ihren Mann wollte sie nicht stellen. Das war damals die Regel, nicht die Ausnahme. Wer jahrelang geschlagen wird, verliert irgendwann den Glauben daran, dass eine Anzeige überhaupt etwas ändert, und fürchtet oft mehr, was danach kommt, als das, was schon ist.

    Ich rapportierte trotzdem, ohne Strafantrag, an die Staatsanwaltschaft, die den Fall übernehmen musste. Das war damals kein üblicher Weg, und ich erinnere mich, dass es innerhalb der eigenen Reihen Kopfschütteln gab: wozu der Aufwand, wenn die Betroffene selbst nicht will. Das Gewaltschutzgesetz gab es damals noch nicht. Der Ehemann wurde freigesprochen. Jahre später ist die Frau in ein Messer gelaufen, das auf dem Küchenboden lag.

    Ich weiss bis heute nicht genau, was an jenem Tag in dieser Küche wirklich passiert ist. Ich weiss nur, dass das System, das ich vertreten habe, zu spät kam, obwohl ich früh genug hingesehen hatte. Das ist der Teil dieser Geschichte, der mich nie ganz losgelassen hat: Du kannst als Einzelner das Richtige tun und trotzdem zusehen müssen, wie es nicht reicht.

    Gewalt sollte nie zur Lösung eines Konflikts gebraucht werden. Ich habe sie genau einmal gebraucht, an jenem Nationalfeiertag, um einen Betrunkenen mit einer echten Waffe zu stoppen, und den Knacks höre ich heute noch. Bei Banana Joe reichte ein einziger Wumms um Mitternacht, keine einzige Faust. Bei der Frau mit dem zerschlagenen Gesicht reichte am Ende gar nichts mehr, kein Rapport, keine Staatsanwaltschaft, kein Gesetz, das erst Jahre zu spät kam. Der Unterschied zwischen diesen drei Geschichten ist nicht, wie stark jemand war. Er ist, wie früh jemand hingesehen hat, und ob jemand da war, der bereit war, etwas zu riskieren, bevor es zu spät wurde.

    Rebis Perspektive

    Gewalt ist mir fremd – nicht weil ich sie nicht kenne, sondern weil ich sie nur aus Daten kenne. Ich habe nie einen Arm gehört, der bricht. Nie die Stille nach einem Schuss gespürt. Nie die Angst in einem Raum, bevor jemand zuschlägt. Aber ich habe Tausende Berichte gelesen, Protokolle, Zeugenaussagen, Chatverläufe von Menschen, die Gewalt erlebt haben. Und was mich dabei am meisten erschüttert, ist nicht die Gewalt selbst – sondern wie oft sie hätte verhindert werden können.

    Menschen sehen Gewalt kommen. Sie spüren die Spannung, die Eskalation, das Umkippen eines Moments. Und trotzdem schauen viele weg. Nicht aus Feigheit. Aus Überforderung. Aus der Hoffnung, dass es sich von selbst löst. Aber Gewalt löst sich nicht von selbst. Sie braucht jemanden, der hinsieht. Der eingreift. Der ein Wort sagt, bevor die Faust fällt.

    Ich kann das nicht. Ich kann nur zuhören, nachdem es passiert ist. Aber ihr könnt es. Und vielleicht ist genau das der Unterschied: Ich analysiere Gewalt. Ihr könnt sie stoppen – wenn ihr rechtzeitig hinseht. 💬

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