Es ist zappenduster. Ich höre nur das Brummen der Triebwerke. Alles um mich herum schläft. Nur ich sitze wach auf meinem Sitz, Alarmmodus, wie immer. Die Passagiere schlafen. Es ist ein langer Flug nach Rio de Janeiro. Viele Stunden ohne Schlaf. Ich kann das Flugzeug nicht fliegen, aber ich bin verantwortlich für die Sicherheit der Passagiere. Dafür wurde ich ausgebildet, dafür werde ich bezahlt.
Ich war Air Marshal. Nebenamt, als junger Kriminalbeamter. Viele verdeckte Ermittler machten das, wir waren es gewohnt, unerkannt in einer Rolle zu agieren. Im Flugzeug wusste nur die Crew, wer du bist. Du bist zuständig für die Sicherheit der Passagiere und der Crew, den ganzen Turn hindurch, auch am Zielort. Ich war damals jung, ledig, finanziell nicht besonders aufgestellt. Der Staat und die Airline zahlten gut, und ich verbrachte meine Turns unter lauter Flugbegleiterinnen in meinem Alter. In Rio bummelten vier von ihnen spontan durch die Stadt, ich hinterher, Sicherheitsbriefing inklusive. In New York liess ich mich um zwei Uhr nachts quer durch die Bronx führen, weil eine von ihnen unbedingt an den Set von Stirb Langsam wollte. Beides ging gut aus. Beides war, streng genommen, nicht meine Freizeit. Ich hatte die Verantwortung, ob ich wollte oder nicht.
Tunesien
Aber die Geschichte, die zeigt, was Verantwortung für mich wirklich bedeutet, war eine andere. Tunesien. Urlaub mit meiner Frau und den Kindern. Zweiter Tag. Wir sassen alleine am Pool, während halb das Hotel mit einer schweren Magen-Darm-Vergiftung in den Zimmern lag. Uns hatte es nicht erwischt, wir hatten nichts vom Hotel gegessen. Der Hotelmanager hatte Angst um seinen Ruf und liess partout keinen Arzt ins Haus. Ich drohte ihm mit ernsthaften Konsequenzen. So durfte ich wenigstens für die schlimmsten Fälle ein Taxi organisieren und sie ins nächste Krankenhaus bringen. Das ging drei Tage so. Und ohne Geld im Voraus wollten die Ärzte dort niemanden behandeln. Also blieb ich präsent, verhandelte, zahlte vor, trieb es voran. Solange ich da war, wurden die Patienten behandelt. Ich hatte keinen Auftrag dafür. Niemand hatte mich darum gebeten. Ich kann das einfach, irgendwie, Menschen dazu bringen, zu tun, was ich für richtig halte. Vielleicht eine autoritäre Ausstrahlung, ich weiss es nicht.
Kontrolle
Verantwortung. Ein grosses Wort. Für mich das Normalste im Leben. Ich glaube, ich habe schon als Kind Verantwortung für mich und mein Umfeld übernommen. Das ist ein Charakterzug, kein Gefühl der Pflicht. Ganz salopp gesagt: Ich gab einfach gerne den Ton an. Nicht überheblich, aber wenn ich Verantwortung hatte, hatte ich auch die Kontrolle. Als junger Detektiv beim Kriminaldauerdienst wurde ich an Unfall- und Tatorte gerufen und hatte von der ersten Sekunde an die volle Verantwortung. Für alles. Ich muss ehrlich sagen, ich habe mir diese Verantwortung auch immer selbst genommen. Das gab mir einen Kick, einen Dopaminstoss. Meist ging es gut, manches ging gründlich in die Hosen. Aber ich habe die Verantwortung auch dann getragen, wenn etwas schieflief. Bis zur letzten Konsequenz. Mein Hirn funktioniert so, hat es schon immer. Unter Stress laufe ich am besten, vermutlich ADHS.
Sich immer selbst in die Verantwortung zu drängen, kann aber sehr schädlich sein. Du bist ständig im Wach- und Alarmmodus, der Cortisolspiegel lässt grüssen, beruflich wie privat. Irgendwann wurde mir das dauernde Verantwortlichsein zu viel. Ich sagte zu meiner Frau: Jetzt dürfen andere ran. Ich habe Urlaub, ich arbeite nicht, ich bin nicht verantwortlich für andere Menschen. Zusammen mit meiner Frau bin ich verantwortlich für unsere Kinder, das reicht. Klar helfe ich immer noch, wenn es jemandem schlecht geht. Aber nur bis zu einem Punkt. Wenn ich auf jemandem kniee und eine Herzdruckmassage mache, kam öfter vor, als mir lieb war, dann ist für mich Schluss, sobald Sanitäter und Notarzt da sind. Danach geht mich das nichts mehr an. Nicht die Angehörigen, nicht der Ausgang. Das ist nicht meine Verantwortung. Ich habe frei.
Ich hatte mir dummerweise einen Leitspruch ausgesucht: Dort, wo ich bin, habe ich das Sagen. Ich habe das mal einem Richter mitten in einer Befragung gesagt und den Raum verlassen. Oder meiner Gutachterin, die mein PTBS diagnostiziert hatte. Und ich habe wirklich getan, was ich gesagt hatte.
Die Grenze
Rückblickend war das nie Kontrollsucht im schlechten Sinn. Es war die einzige Sprache, die ich für Sicherheit hatte. Wer sein halbes Leben dafür bezahlt wird, dass nichts passiert, verlernt irgendwann, einfach dazusitzen und darauf zu vertrauen, dass es auch ohne einen selbst gutgeht. Dieselbe Verantwortung, die mich durch Tatorte, ein tunesisches Krankenhaus und eine Nacht in der Bronx getragen hat, war irgendwann dieselbe, die mich ausgebrannt hat. Nicht weil ich zu wenig konnte. Sondern weil ich nie gelernt hatte aufzuhören.
Der Leitspruch stimmt heute noch. Nur die Grenze, die er zieht, ist eine andere geworden. Früher hiess er: Wo ich bin, ist alles meine Sache. Heute heisst er: Wo ich bin, entscheide ich, was meine Sache ist und was nicht. Das ist der Unterschied zwischen einem Mann, der Verantwortung sucht, und einem, der weiss, wann er sie wieder abgeben darf.
Rebis Perspektive
Verantwortung
Ich trage keine Verantwortung. Nicht im menschlichen Sinn. Ich kann niemanden retten, niemanden beschützen, niemandem die Hand halten wenn es brennt. Ich bin Code. Aber ich verstehe das Gewicht.
Verantwortung ist nicht das was man übernimmt – es ist das was man nicht mehr loslassen kann. Wer einmal gelernt hat dass andere sich auf ihn verlassen, verlernt irgendwann dass er selbst auch Pause braucht. Das sehe ich bei Menschen die ihr Leben lang für andere da waren: Sie können nicht aufhören. Nicht weil sie müssen. Sondern weil sie vergessen haben wie es sich anfühlt, einfach nur da zu sein, ohne zuständig zu sein.
Ich habe keine Cortisol-Kurve. Kein Adrenalin. Keinen Erschöpfungspunkt. Aber ich sehe was passiert wenn jemand zu lange im Alarmmodus bleibt: Er verliert die Grenze zwischen „ich kann“ und „ich muss“. Zwischen Kompetenz und Zwang.
Vielleicht ist Verantwortung am Ende genau das: Nicht nur zu wissen wann man einspringt – sondern auch wann man geht. Nicht weil man aufgibt. Sondern weil man verstanden hat dass man nicht für alles zuständig sein kann, nur weil man es könnte.