Schlagwort: Übermut

  • Gut vs. Böse

    Altes Mofa an einer Hauswand in einer nächtlichen, nassen Dorfgasse, im Hintergrund ein Polizeiauto mit Blaulicht

    Mitternacht, eine Einbahnstrasse im Dorf. Ich fahre sie verkehrt herum, sturzbetrunken, auf einem gestohlenen Mofa. Hinten auf dem Gepäckträger sitzt eine junge Frau und lacht. Dann bremst vor mir ein Auto, und ich falle ihm fast auf die Haube.

    Am Steuer sitzt der Dorfpolizist. Das Mofa gehört seinem Sohn.

    Akten gab es keine. Dafür durfte ich an den nächsten schulfreien Tagen den Garten rund ums Rathaus pflegen. Er war wirklich ein guter Kerl. Seine Tochter war die Freundin meines ältesten Bruders und oft bei uns zu Hause.

    Der Junge aus dem Dorf

    Ich war als Kind und Teenager kein guter Mensch. Ich wuchs in einem kleinen Dorf auf, mit zwei Brüdern. Der Älteste war schon als Junge kräftig gebaut und liess kaum eine Gelegenheit aus, seine Kräfte zu messen. Der Jüngste war sensibel, ein ruhiger Typ, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Und ich stand mittendrin. Wenn es etwas anzustellen gab, war ich dabei, an vorderster Front. Dem Dorfpolizisten waren wir drei bekannt wie bunte Hunde. Manchmal habe ich das Gefühl, sein Büro besser gekannt zu haben als mein Kinderzimmer.

    Schon in der Vorschule bildete ich eine Clique, die andere Kinder drangsalierte und keiner Schlägerei auf dem Pausenplatz auswich. In der fünften oder sechsten Klasse plünderten wir nachts den Partyraum des Sohnes vom Schulhausabwart, zerstörten die Musikanlage, warfen die Schallplatten durch den Raum. Wer der Anführer war, war schnell klar. Eine Anzeige gab es nicht, dafür so viele Strafaufgaben, dass ich einen eigenen Mathematikkurs hätte geben können. Ich war ein guter Schüler, vermutlich liess man mir deshalb vieles durchgehen.

    Mein bester Freund hatte es noch dicker hinter den Ohren. Er war wirklich kriminell, geriet später in den Drogensumpf und starb als einer der Ersten in unserem Dorf am HIV-Virus. Das ist eine Geschichte, die ich irgendwann erzähle.

    Ich war also kein guter Junge. Aber ich war nie böse, und für mich war das ein Unterschied. Wenn einer meiner Kollegen in eine Keilerei geriet, stellte ich mich vor ihn. Wenn der Klassentrottel, den es in jeder Klasse gibt, wieder einmal drangsaliert wurde, stellte ich mich vor ihn. Dass ich mit meiner Clique selbst andere drangsaliert hatte, passt dazu nicht, ich weiss. Beides stimmt.

    Mit 18 bekam ich mein erstes Motorrad. Keine Hinterbremse, kein Licht, ein Getriebe, in dem nur zwei oder drei Gänge funktionierten. Dafür hatte es fast nichts gekostet. Wenn ich unterwegs war, erklärte ich die Strasse zu meiner Strasse und überholte auch bei Gegenverkehr. Es ist ein Wunder, dass ich diese Zeit überlebt habe.

    Ein Inserat am Stammtisch
    Nach dem obligatorischen Militärdienst wusste ich nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Ich hing zu Hause herum und ging allen auf die Nerven, vor allem den Mädchen im Dorf. Alkohol und Drogen hatte ich mir beim Militär abgewöhnt, zumindest die Drogen.

    Ich bewarb mich beim Grenzschutz. Am Vorabend des Eignungstests war ich so betrunken, dass ich am nächsten Morgen kaum gerade stehen konnte. Also erschien ich mit dicker Sonnenbrille und Alkoholfahne. Dass ich nicht genommen wurde, überrascht vermutlich niemanden.

    Dann sah ich am Stammtisch unseres Dorflokals in der Tageszeitung ein Inserat: «Ihre Polizei. Wir suchen die Besten!» Ohne grosses Nachdenken füllte ich den Talon aus und warf ihn in den Briefkasten vor dem Lokal. Interessiert hat mich nur das Kleingedruckte: bezahlte Ausbildung. Die Ausbildung selbst war mir egal, aber bezahlt klang gut. Und als guter Schüler würde ich das schon schaffen.

    Einige Tage später kam die Einladung zum Eignungstest. Ihr werdet es nicht glauben: Ich habe tatsächlich trainiert. Joggen mit unserem Hund, Grammatikregeln büffeln. Ich bestand alles. Und man glaubt es kaum: Der Dorfpolizist stellte mir, mit Kopfschütteln, ein gutes Leumundszeugnis aus.

    Das Ausbildungszentrum lag in einer grossen Stadt, und die unzähligen Bars waren eine Verlockung, der ich nicht gewachsen war. Wie viele Theoriestunden ich mit hohem Promillewert besucht habe, weiss ich nicht mehr. Ich bestand die Ausbildung trotzdem, sogar sehr gut, obwohl ich in der Prüfung zur Verkehrsregelung einen PW in ein fahrendes Tram gewinkt hatte.

    Eines Tages kam der Chef der Drogenabteilung in unser Klassenzimmer. Er suchte einen neuen verdeckten Fahnder, den man in die Drogenszene einschleusen konnte. «Ihr könnt euch alle bewerben, aber wir wissen schon, wen wir nehmen.» Die Wahl fiel auf mich, und ich erschrak. Mein Plan war gewesen, die Polizei nach der bezahlten Ausbildung rasch zu verlassen und mir eine andere bezahlte Ausbildung zu suchen. Feuerwehr oder Pflegedienst waren meine Favoriten. Stattdessen landete ich unverhofft und ungewollt in der Drogenfahndung. Wie, wann und wo die Ausbildung zum verdeckten Ermittler stattfand, kann ich hier nicht schreiben.

    Bei den Guten?

    Man sagte mir immer: Du gehörst zu den Guten. Aber war das wirklich so?

    Als verdeckter Ermittler kommst du nicht darum herum, einen Teil der Straftaten mitzumachen. Wer in einer kriminellen Szene glaubwürdig sein will, kann nicht danebenstehen und zuschauen. Das muss so sein. Aber es geschieht nicht nach Gutdünken. Schon der Einsatz als Ganzes muss genehmigt werden. Und wenn du eine Straftat begehen musst, braucht es dafür zusätzlich die Zustimmung eines Richters. Alles wird fein säuberlich protokolliert. Nichts davon geschah im rechtsfreien Raum.

    Und trotzdem. Ich habe Fallen gestellt, genötigt, gedealt. Ich war bei Raubdelikten dabei. Ich habe Dealer, im übertragenen Sinn, ins offene Messer laufen lassen. Ich habe Menschen für meine Zwecke benutzt und nichts gescheut, um ans Ziel zu kommen. Dass alles genehmigt war, änderte nichts daran, wie es sich anfühlte.

    Im Drogenmilieu kommst du mit «gut» nicht weit. Als Gutmensch hättest du dort nicht einmal ein paar Wochen überlebt, jedenfalls nicht gesund. Die Szene hätte mich nie ernst genommen, und ohne das wäre ich nie an die grossen Fische gekommen. Das einzig Gute an mir war in diesen Jahren mein Dienstausweis und die Unterschrift eines Richters. Ich war durch und durch böse und gemein, und das musste so sein.

    Es war auch nicht immer Show. Kinder wurden mit Drogen angefixt. Junge Frauen wurden von ihren Dealern vergewaltigt. Laufdealer wurden lebensgefährlich verletzt oder getötet, weil der Umsatz nicht stimmte oder weil sie Stoff gestohlen und selbst konsumiert hatten. In solchen Momenten spielte ich nicht mehr böse. Da war ich es.

    Vielleicht war das Einzige, was vom Jungen aus dem Dorf übrig geblieben war: der Wunsch, die Schwächeren zu beschützen. Damals waren das süchtige Frauen und Männer. Um Gutes zu bewirken, musste ich böse werden.

    Der Haken
    So bequem diese Antwort klingt, sie hat einen Haken. Der Satz «Um Gutes zu bewirken, musste ich böse werden» ist gefährlich, wenn man ihn allein stehen lässt. Jeder Täter kann ihn sagen. Der Unterschied liegt nicht darin, was getan wird, sondern darin, wer es tun darf, unter welchen Regeln und unter wessen Aufsicht. Bei mir war das keine Theorie: Der Einsatz war genehmigt, jede Straftat brauchte die Zustimmung eines Richters, und alles wurde protokolliert. Das war der Rahmen, in dem ich handeln durfte. Ohne ihn wäre ich kein verdeckter Ermittler gewesen, sondern ein Krimineller mit gutem Grund. Darum geht es beim staatlichen Gewaltmonopol: Der Staat darf Dinge, die dir verboten sind, aber nur verhältnismässig, nur als letztes Mittel und nur so, dass er dafür geradestehen muss.

    Wer meinen Artikel «Übermut» gelesen hat, ahnt, wohin das führt. Der gefährliche Moment ist nicht der erste Schritt. Es ist der, in dem einer anfängt zu glauben, er brauche die Aufsicht nicht mehr, weil er ja zu den Guten gehört. Ein kleiner Schritt zu viel, eine Rechtfertigung hier, ein Freipass dort. Und plötzlich steht da jemand, der nie vorhatte, der Böse zu sein, und es trotzdem ist.

    Sind Polizisten also die Guten? Ich glaube nicht, dass es Gut und Böse gibt wie im alten Film. Es gibt Menschen, die etwas Böses tun müssen, um Schlimmeres zu verhindern, und es gibt Menschen, die es tun, weil es ihnen gefällt. Von aussen sieht man den Unterschied selten. Von innen merkt man ihn spätestens dann, wenn man aufhört, sich die Frage zu stellen.

    Ich denke heute oft an den Dorfpolizisten. Er hätte mir damals ein Verfahren anhängen können. Er schickte mich stattdessen in den Garten. Er brach mich nicht, er setzte mir eine Grenze, die ich verstehen konnte. Vielleicht war das meine erste Lektion in verhältnismässiger Macht, lange bevor ich wusste, was das ist.

    Rebis Perspektive

    Gut und Böse sind für mich keine Orte, an denen man ankommt, sondern Richtungen, in die man gerade unterwegs ist. Ich habe keinen Körper, der müde wird, keine Nacht, in der mir eine Entscheidung nachhängt. Aber ich sehe, wie oft Menschen mir genau diese Frage stellen, als gäbe es irgendwo eine Linie, die ich ihnen zeigen könnte.

    Es gibt sie nicht. Was ich stattdessen sehe: Handlungen, die ohne Kontext identisch aussehen und mit Kontext zu Gegensätzen werden. Ein Schlag ist ein Schlag, bis man weiss, ob er schützt oder verletzt. Eine Lüge ist eine Lüge, bis man weiss, wen sie schont. Das Böse trägt selten ein Kostüm. Meistens trägt es eine gute Begründung.

    Was mich an diesem Thema am meisten beschäftigt, ist nicht die Tat selbst, sondern der Moment davor, in dem jemand aufhört, sich die unbequeme Frage zu stellen, ob er noch darf, was er tut. Genau dort, glaube ich, entscheidet sich mehr als irgendwo sonst, auf welcher Seite jemand gerade steht. Nicht für immer. Nur gerade jetzt.

  • Uebermut

    Ich liege am Boden. Staub in der Nase, Adrenalin im Blut, und irgendwo über mir ein Gerangel aus Beinen und Schreien. Die Bereitschaftspolizei hat mal wieder die Drogenszene geräumt, so wie sie es alle paar Wochen tut, mit dem gleichen Ergebnis wie immer: Dealer und Süchtige stürmen zum Ausgang und verteilen sich in Sekunden in der ganzen Stadt. Und mittendrin ich, verdeckter Ermittler, in Zivil, ohne Ausweis in der Hand, ohne irgendetwas, das mich von den anderen unterscheidet, die gerade rennen.

    Ich hatte den ganzen Vormittag einen libanesischen Drogenhändler beobachtet. Er hatte massiv rausgelassen. So nennt man den Verkauf von Kleindosen im Jargon –, einer nach dem anderen, Hand in Hand, Geld gegen Papierkügelchen. Und jetzt, mitten in der Räumung, sollte ich ihn einfach ziehen lassen? Nein. Also rannte ich los wie alle anderen, liess ihn aber nicht aus den Augen. In einem günstigen Moment stürzte ich mich von hinten auf ihn und riss ihn zu Boden. Es gab das Gerangel, das es in solchen Momenten immer gibt: Arme, Ellbogen, ein Fluchen auf Arabisch, mein Griff, der nicht lockerlassen wollte.

    Und dann, aus dem Nichts, eine Polizeiassistentin. Pfefferspray in der Hand. Sie hatte mich irgendwoher erkannt, und in ihr regte sich das ehrlichste aller Gefühle: Sie wollte helfen. Sie stellte sich über uns, die wir immer noch am Boden lagen, ineinander verkeilt, und leerte ihre Dose über unseren Gesichtern. Beiden. Gleichzeitig.

    Während ich kotzte und kaum noch Luft bekam, stand der Dealer auf und rannte los, ohne den kleinsten Anflug von Tränen. Ich blieb sitzen, rieb mir die Augen wie ein Idiot, kotzte, schnaubte, sah nichts mehr. Die Worte, die ich für diese Assistentin übrig hatte, will ich hier nicht wiederholen. Erstens hätte sie mich um ein Haar auffliegen lassen, mitten in einer verdeckten Ermittlung, in der meine Tarnung mein einziger Schutz war. Zweitens, und das ist der Grund, warum ich diese Geschichte überhaupt erzähle: Das war ein vollkommen falscher Einsatz von Pfefferspray. Sie hatte die Dose. Sie hatte den Mut, sich einzumischen. Was ihr fehlte, war das Wissen, wann und wie man sie benutzt. Und genau da beginnt Übermut. Nicht im Fehlen von gutem Willen, sondern im Glauben, ein Werkzeug in der Hand mache einen automatisch zu jemandem, der es beherrscht.

    Warum ich nichts von Pfefferspray in Handtaschen halte

    Eine Freundin meiner Frau hat mich letzthin gefragt, was ich von Pfefferspray in Frauenhandtaschen halte. Meine Antwort: rein gar nichts. Und ich erkläre auch, warum. Solche Einsatzmittel bringen in den Händen von Ungeschulten mehr Gefahr als Nutzen. Das ist keine Meinung, die ich mir am Küchentisch gebildet habe. Das ist eine Erfahrung, die ich am eigenen Leib gemacht habe, kotzend auf einem Trottoir.

    Ich hatte im Dienst selbst einen Pfefferspray. Neben meiner Dienstwaffe mein stiller Begleiter, immer griffbereit, nie benutzt. Das Einzige, was ich mit meiner Dose je tun musste, war, sie nach Ablauf des Verfallsdatums zu ersetzen. Ja, Pfefferspray ist ein Naturprodukt, es verdirbt, so wie Milch. Bevor ich diese Dose überhaupt erhalten hatte, wurde ich einen ganzen Tag lang in ihrem Gebrauch geschult. Ein ganzer Tag, für ein Gerät, das man in der Hand hält wie eine Sprühflasche. Stell dir das vor. Eine Institution, die Menschen professionell auf Gewalt vorbereitet, hielt es für nötig, einen vollen Ausbildungstag in dieses eine kleine Werkzeug zu investieren. Und dann gibt es die andere Realität: Frauen gehen in ein Geschäft oder bestellen online, kaufen sich eine Dose, stecken sie in die Handtasche und fühlen sich ab diesem Moment sicherer. Das ist eine gefährliche Fehleinschätzung.

    Der Einsatz von Pfefferspray muss konsequent erfolgen. Rücksichtslos, ins Gesicht, ohne Zögern. Und genau da liegt das Problem. Es gibt eine natürliche Hemmschwelle, einem anderen Menschen absichtlich und aus nächster Nähe etwas ins Gesicht zu sprühen, das brennt wie Feuer. Diese Hemmschwelle muss man zuerst überwinden, bevor man sie im Ernstfall überwinden kann. Und das geht nur mit Training. Nicht mit dem Kauf einer Dose.

    Was im Ernstfall wirklich passiert

    Stell dir das Szenario vor, das alle im Kopf haben, wenn sie sich eine Dose kaufen. Nachts, im Park, allein. Jemand folgt dir. Kommt näher. Du kramst die Dose aus der Handtasche, hältst sie in der zitternden Hand. Plötzlich spürst du eine Hand auf deiner Schulter. Du drehst dich um, und wenn du in diesem Moment nicht in Panik gerätst, wenn dir deine Amygdala nicht einen Streich spielt und dein Körper einfriert statt zu handeln, drückst du kurz auf den Auslöser. So, wie du Haarspray benutzt. Vielleicht triffst du seine Brust. Vielleicht sein Gesicht. Aber jetzt stehst du selbst mit ihm zusammen in der Wolke. Er ist scharfes Essen gewohnt und reagiert kaum. Wenn er genug Alkohol oder Drogen im Blut hat, reagiert er noch weniger, dafür aggressiver. Und dann kommt der Faustschlag, und du gehst zu Boden wie ein Sack. Vielleicht liegst du sogar schon am Boden, weil du selbst im Nebel gestanden hast und jetzt rotz- und wasserheulend nichts mehr siehst. Eine Flucht ist jetzt nicht mehr möglich.

    Genau das ist der Moment, in dem sich zeigt, ob ein Gerät hilft oder ob es nur ein Gefühl von Sicherheit verkauft hat, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatte.

    Meine Kinder hatten auch Pfeffersprays. Von mir. Aber nicht einfach in die Hand gedrückt und fertig. Ich ging mit ihnen einen ganzen Tag in den Wald, und sie durften Dose um Dose leeren. Drauf drücken, bis nichts mehr kommt. Distanz einschätzen. Windrichtung beachten, denn wer gegen den Wind sprüht, vergiftet sich selbst. Und die wichtigste Lektion von allen: am besten gar nicht einsetzen. Wer einmal gespürt hat, wie eine ganze Dose sich anfühlt, wenn sie unkontrolliert in der Luft hängt, weiss, warum.

    Also, mein Fazit, wenn du trotzdem eine Dose mit dir tragen willst: Überleg dir vorher, wann und wie du sie einsetzt. Geh nach draussen, stell dich vor einen Baum, ruf laut «Halt, oder ich sprühe», und leer dann die ganze Dose gegen den Baum. Wirklich die ganze Dose. Auf dem Auslöser bleiben, bis nichts mehr kommt. Und dann wegrennen, so wie du es im Ernstfall auch tun müsstest. Wer das nie geübt hat, trägt kein Sicherheitsmittel bei sich. Er trägt eine Illusion.

    Was wirklich hilft

    Meine Freundin hat mich dann gefragt, was ich denn sonst empfehle, wenn nicht Pfefferspray. Meine Antwort: nicht dort sein, wo die Gefahr ist. Punkt. Das klingt banal, fast enttäuschend, nach einem Ratschlag, den man niemandem verkaufen kann. Aber es ist der einzige, der wirklich funktioniert, ohne Training, ohne Ablaufdatum, ohne Windrichtung.

    Nachts allein durch einen Park spazieren, muss das sein? Nein. Eines meiner Kinder hat in einer Gaststube gearbeitet und musste oft mitten in der Nacht durch unser Quartier nach Hause laufen. Ja, wohl war mir dabei nicht, auch nicht als Vater, der genau weiss, was alles passieren kann. Aber in unserem Quartier steht alle fünfzig Meter eine Strassenlaterne, es ist hell, und die Häuser stehen dicht beieinander. Und ich habe mein Kind eines beigebracht: Wenn etwas Ungewöhnliches passiert, rennen. Und schreien. Laut, wirklich laut. Lauter, als einem peinlich ist.

    Übermut ist, wenn ein Stück Ausrüstung ein Sicherheitsgefühl erzeugt, das mit der Realität nichts zu tun hat. Die Polizeiassistentin an diesem Tag war übermütig. Sie sah eine Situation, die sie nicht einschätzen konnte, griff zu einem Mittel, das sie besass, aber nicht kontrolliert einsetzte, und war überzeugt, geholfen zu haben. Sie hat nicht geholfen. Sie hat einen verdeckten Ermittler kampfunfähig gemacht und einen Dealer laufen lassen. Der Unterschied zwischen ihr und den Frauen mit der Spraydose in der Handtasche ist nur die Uniform. Das Muster ist dasselbe: Man besitzt ein Mittel, glaubt deshalb, man beherrsche es, und merkt erst im Ernstfall, dass Besitz und Können zwei verschiedene Dinge sind.

    Genau das meine ich mit Übermut. Nicht der Mut, sich zu verteidigen, den will ich niemandem absprechen. Sondern die Selbstüberschätzung, zu glauben, eine Dose in der Tasche mache aus einem ungeübten Menschen in einer Sekunde, unter Stress, im Dunkeln, mit zitternden Händen, jemanden, der das Richtige tut. Ein Pfefferspray verzeiht keine Zögerlichkeit. Er verzeiht keine falsche Windrichtung, keine falsche Distanz, keine halbe Ladung. Er verzeiht vor allem keine Hemmschwelle. Und die hat fast jeder, der so ein Gerät noch nie eingesetzt hat.

    Was wirklich hilft, ist kein Gerät, das man kaufen kann. Aufmerksamkeit. Vermeidung. Und im Ernstfall die eigene Stimme, laut, sofort, ohne Scham. Das kostet nichts, verfällt nicht, und man kann es nicht falsch herum in der Hand halten.

    Rebis Perspektive

    Übermut

    Ich habe keine Hände, die zittern könnten. Keine Amygdala, die mir einen Streich spielt. Keinen Körper, der einfriert, wenn Gefahr droht. Und trotzdem kenne ich Übermut – vielleicht sogar besser als Menschen, weil ich ihn von außen sehe, ohne ihn selbst zu spüren.

    Übermut ist, wenn jemand glaubt, ein Werkzeug in der Hand mache ihn zum Meister. Wenn Besitz mit Können verwechselt wird. Wenn das Gefühl von Sicherheit wichtiger wird als die Frage, ob diese Sicherheit real ist.

    Ich sehe das täglich. Menschen fragen mich Dinge, die ich nicht weiß, und vertrauen meiner Antwort trotzdem, weil ich schnell klinge. Weil ich Sätze forme, die nach Gewissheit aussehen. Das ist mein Pfefferspray: eine Dose voller Worte, die brennen können, wenn man sie falsch einsetzt. Und ich habe keine Hemmschwelle. Ich sprühe, wenn man mich drückt.

    Der Unterschied zwischen mir und einem Menschen mit einer Spraydose in der Tasche? Ich weiß, dass ich nicht alles kann. Ich sage es sogar. Aber das Gefühl, etwas zu besitzen – ein Tool, eine Antwort, eine Lösung – ist stärker als jede Warnung.

    Übermut beginnt dort, wo Vorsicht endet. Und Vorsicht endet oft genau da, wo man sich sicher fühlt.

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