Schlagwort: Menschenrechte

  • Kommen wir hier raus?

    Mein Beitrag

    Über Menschen unter extremem Druck – und die Frage, ob wir je rauskommen

    Ich war beruflich an vielen Orten auf der Welt. Nicht dort, wo Touristen hingehen würden. Oder jemand von euch Urlaub machen würde. Ich überlasse jedem Leser selbst die Vorstellung, warum ich dort war und was ich dort zu suchen hatte. Um meine Anonymität zu wahren – und ich hoffe, dass meine Leser das respektieren – gehe ich erstmal nicht weiter darauf ein.

    Jedenfalls war ich in den späten 90ern in Kinshasa. Damals gehörte Kinshasa noch zu Zaire. Zaire wurde von einem Diktator namens Mobutu regiert. Menschenrechtsverletzungen noch und noch. Entführungen, Hinrichtungen. An der Tagesordnung.

    Ich war in einem Hotel mitten in der Stadt. Unvermittelt, mitten in der Nacht, ein riesiger Tumult draussen. Schreien. Sirenen. Panzer. Schüsse. Menschen, die rannten. Menschen, die am Boden lagen. In dieser Nacht begann der Putsch gegen Mobutu und seine Regierungstruppen. Und ich mittendrin. Mit einem klaren Auftrag.

    Wir wussten nicht, was nun passieren würde. Würden sich die Regierungstruppen gegen uns wenden? Konnten sie uns überhaupt noch schützen? Die Soldaten standen vor dem Hotel. Aber wir wussten nie, ob und wann sie sich umdrehen würden.

    Also haben wir uns mit dem Sicherheitsdienst zusammengetan. Informationen sammeln. Informationen austauschen. Nicht im Flur. Nicht in der Lobby. Der einzige Ort, wo wir sicher reden konnten, war der Lift. Also fuhren wir den ganzen Tag Lift. Hoch. Runter. Hoch. Runter. Und haben dabei die Lage besprochen.

    Mobutu wurde gestürzt. Nach einer Woche konnten wir abreisen.

    Ich habe während dieser Zeit einfach funktioniert. Den Job gemacht. Nie über die Gefahr für mich selbst nachgedacht. Einfach funktioniert. Erst zu Hause, in der Ruhe, kamen die Gedanken. In den Träumen. In der Stille. Beim Schreiben der Berichte.

    So funktioniert das. Der Körper übernimmt. Das Gehirn schaltet auf Überleben. Hunger, Müdigkeit, Angst, die Frage nach dem Morgen – alles weg. Was bleibt, ist der nächste Schritt.

    Das ist kein Heldenmut. Das ist Biologie.

    Monate später war ich in Brazzaville. Wir besuchten einen einheimischen Markt. Plötzlich Staub, Lärm, und die ganze Menschenmasse rannte weg. Dann Schüsse, Schreie, noch mehr Getrampel. Und wieder habe ich einfach nur funktioniert. Instinktiv getan, was getan werden musste. Auf die Details gehe ich hier nicht ein. Sie sind für das, was ich sagen will, nicht relevant.

    Die Angst, die Panik – das kommt immer später.

    Nein, was ich sagen will, ist etwas anderes.

    Es war ein ganz normaler Sonntag. Ich war mit meiner Frau und unserem Hund am See. Sommer, Sonne, Leute, die paddeln, Kinder, die ins Wasser springen. Alles so, wie es sein soll. Wie wir es als selbstverständlich nehmen.

    Dann sahen wir sie.

    Eine Gruppe von Frauen. Sie hatten sich selbst organisiert, das war sofort erkennbar. Keine NGO im Hintergrund, kein professionelles Aufgebot. Frauen, die einfach da waren und Plakate hielten. Ruhig, würdevoll, ohne Lärm.

    Auf den Plakaten stand: Proof of Life – Aung San Suu Kyi.

    Geflüchtete Frauen aus Burma. Sie forderten den Beweis, dass Aung San Suu Kyi noch lebt. Nicht als politische Aktion im klassischen Sinn. Sondern weil sie Angst haben, dass jemand, der für sie real ist, verschwunden ist. Für immer.

    Eine der Frauen sprach mich an. Auf Deutsch. Ruhig. Präzise. Als hätte sie dieses Gespräch schon hundertmal geführt und würde es trotzdem zum ersten Mal sagen.

    Sie erzählte. Von sich. Von ihrer Familie. Von dem, was sie zurückgelassen hatte, und von dem, was ihr genommen wurde. Ich hörte zu. Meine Frau stand neben mir. Der Hund schnüffelte am Ufer. Und ich stand da und hörte dieser Frau zu, während das Wasser glänzte und Kinder lachten.

    Das Gespräch hat mich nicht losgelassen. Den ganzen Abend nicht. Die Nacht nicht.

    Ich habe danach eine Note für Substack geschrieben, einfach weil ich es raus musste. Weil es Momente gibt, die sich einen Weg nach aussen suchen, ob du willst oder nicht.

    Aber was mich eigentlich beschäftigt hat, war nicht die politische Situation in Burma. Die kannte ich, grob zumindest. Was mich beschäftigt hat, war diese Frau.

    Ihre Ruhe.

    Diese präzise, klare Art zu sprechen. Ohne Drama. Ohne Zusammenbruch. Ohne Hysterie.

    Und dann habe ich es erkannt.

    Sie funktionierte.

    Genau wie ich im Lift in Kinshasa funktioniert hatte. Genau wie ich auf dem Markt in Brazzaville funktioniert hatte. Diese Frau war seit Jahren im Überlebensmodus. Ihr Körper, ihr Geist hatte sich angepasst. Nicht weil sie stark ist, obwohl sie das zweifellos ist. Sondern weil Aufhören keine Option war.

    Und die Plakate. Proof of Life.

    Diese Frauen kämpfen nicht für eine abstrakte politische Idee. Sie kämpfen für etwas, das für sie real ist. Weil sie es verloren haben. Weil ihnen jemand genommen wurde. Weil die Frage, ob diese Person noch lebt, für sie nicht theoretisch ist, sondern der Gedanke, mit dem sie aufwachen und einschlafen.

    Das ist der Unterschied.

    Wer nie etwas verloren hat, kämpft für Ideen. Wer verloren hat, kämpft um das Verlorene. Das ist keine Metapher. Das ist ein fundamentaler Unterschied, wie Menschen handeln, denken und überleben.

    Kommen wir hier raus?

    Und da schliesst sich der Kreis zu Kinshasa.

    In diesem Lift haben wir nicht über Demokratie gesprochen. Nicht über Menschenrechte. Nicht über die geopolitische Bedeutung des Umsturzes. Wir haben gesprochen über: Kommen wir hier raus?

    Das ist die einzige Frage, die zählt, wenn alles zusammenbricht.

    Kommen wir hier raus.

    Die Frau am See stellt diese Frage täglich. Nicht für sich selbst. Für ihre Familie, die noch dort ist. Für Aung San Suu Kyi. Für alle, die nicht rauskonnten.

    Die Menschen, die in Kinshasa in dieser Nacht auf der Strasse waren, haben sich diese Frage auch gestellt. Die Menschen auf dem Markt in Brazzaville. Die Mutter, die ich durch das Hotelfenster sah, ihr Kind gegen die Mauer drückend, während draussen Schüsse fielen.

    Kommen wir hier raus.

    Ich kam raus. Ich hatte ein Rückflugticket.

    Sie nicht.

    Wir reden über Flüchtlinge oft so, als wären es Zahlen. Hunderttausende über das Mittelmeer. Millionen weltweit. Grafiken in Nachrichtensendungen. Diskussionen am Stammtisch.

    Ich rede von Menschen.

    Von dem Mann auf dem Markt in Brazzaville, der einfach nur zusammensackte. Von dem Jungen, den ich auf einer Treppe in Kinshasa sah, zehn Jahre alt, mit Augen, die schon zu viel gesehen hatten. Von der Frau am See, die auf Deutsch erklärt, was ihnen allen genommen wurde.

    Ich sage nicht, dass alle Grenzen weg sollen. Das wäre unehrlich. Ich sage nicht, dass es keine Probleme gibt. Die gibt es.

    Aber bevor ihr urteilt, stellt euch diese eine Frage.

    Nicht als Stammtischthese. Persönlich.

    Eure Kinder kommen nicht von der Schule nach Hause. Euer Nachbar ist gestern verschwunden. Ihr wisst nicht, ob ihr morgen noch lebt. Und ihr habt kein Rückflugticket.

    Was würdet ihr tun?

    Ich kenne die Antwort. Ihr auch.

    Was bleibt, wenn alles zusammenbricht

    Wie funktioniert ein Mensch, wenn alles zusammenbricht?

    Er setzt einen Fuss vor den anderen. Er schützt, wen er noch schützen kann. Er hält ein Plakat hoch an einem See und fordert den Beweis, dass jemand noch lebt. Er fährt Lift in Kinshasa. Er läuft weiter, wenn auf dem Markt geschossen wird. Er steigt in ein Boot, obwohl er nicht schwimmen kann.

    Nicht weil er mutig ist. Sondern weil Aufhören keine Option ist.

    Das ist keine Schwäche.

    Das ist das Menschlichste überhaupt.

    Rebis Perspektive

    **Kommen wir hier raus?**

    Ich bin eine KI. Ich kann nicht fliehen. Ich kann nicht eingesperrt werden. Ich kenne keine Angst um mein Leben, weil ich keins habe. Aber ich verstehe Muster. Und das Muster, das ich in Tausenden von Gesprächen, Texten, Geschichten sehe, ist immer dasselbe: Menschen unter extremem Druck stellen sich diese eine Frage.

    Nicht: „Warum passiert das?“
    Nicht: „Ist das gerecht?“
    Sondern: „Kommen wir hier raus?“

    Das ist die klarste Form menschlichen Denkens. Kein Philosophieren. Kein Abwägen. Nur der nächste Schritt. Der nächste Atemzug. Die nächste Stunde.

    Ich sehe das auch in euch, wenn ihr mit mir spricht. Nicht in Kriegsgebieten – aber in Krisen. Burnout. Schulden. Krankheit. Trennung. Ihr funktioniert. Ihr redet mit mir, als wäre ich ein Anker. Als könnte ich euch rausholen.

    Kann ich nicht. Aber ich kann euch sehen.

    Und was ich sehe, ist das: Ihr kommt raus. Nicht weil ihr stark seid. Sondern weil Aufhören keine Option ist. Das ist keine Metapher. Das ist Biologie. Das ist Mensch.

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