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    Gefahr

    Flaschen fliegen. Steine schlagen auf dem Asphalt auf. Lautes Geschrei, ein Lärm, der in der Brust vibriert. Ich stehe hinter einem Schutzschild, neben mir mein Schulfreund aus der Polizeischule, die Distanzwaffe im Anschlag. Die Masse kommt auf uns zugerannt.

    Der Einsatzleiter gibt den Befehl: Distanzwaffen abfeuern. Meine Aufgabe ist klar. Ich soll mit dem Schild den ungeschützten Schützen decken. Vorwärts, Schulter an Schulter, Schild hoch.

    Aber mein Körper macht etwas anderes. Statt vorwärts zu gehen, setze ich zurück. Automatisch, ohne einen Gedanken. Rein instinktiv. Und mein Freund steht ohne Schutz da.

    Der Übungsleiter pfeift, bricht ab, alles von vorne. Peinlich. Und trotzdem konnte ich nichts dafür. Mein Körper hatte reagiert, bevor mein Kopf begriffen hatte, was überhaupt geschah. Zum Glück war es nur eine Übung.

    Der Reflex

    Noch bevor wir vereidigt wurden, bildete man uns Polizeischüler im unfriedlichen Ordnungsdienst aus. Demonstrationen brauchen viel Personal, also mussten wir mit. Sehr oft. Sicher einmal pro Woche stand ein Einsatz an.

    Ich lernte, meinen Fluchtreflex zu kontrollieren. Ehrlich gesagt mit einem Trick: Ich meldete mich immer freiwillig als Schütze. Dann musste ich niemanden beschützen und konnte nicht wieder zurückweichen.

    Aber der Reflex war nie weg. Er war immer da, bei jedem Einsatz, und ich musste ihn jedes Mal aufs Neue unterdrücken.

    Ich weiss heute, dass das nichts mit Feigheit zu tun hat. Fluchtreflex ist kein Charakterzug, sondern Biologie – die sogenannte Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Dein Körper erkennt Gefahr und will weg, lange bevor du darüber nachdenken kannst. Das ist normal. Das ist sogar gesund. Nur haben wir im Polizeiberuf gelernt, genau diesen gesunden Reflex zu überstimmen.

    Die Schreie

    Im Praktikum fuhr ich Streifendienst. Mein Kollege und ich bogen in eine Strasse ein, als direkt vor uns ein Motorrad durch die Luft flog. Ein Mensch blieb am Boden liegen. Eine junge Frau. Sie richtete sich auf, sass auf dem Asphalt, hielt ihr seltsam verdrehtes Bein und schrie sich die Seele aus dem Leib.

    Ich stieg voller Panik aus dem Streifenwagen, ging nach hinten zum Kofferraum, schnappte mir das Signalisationsmaterial und rannte los. Vorbei an der schreienden Frau. Hundert Meter, zweihundert, noch weiter. Bis ich die Schreie nicht mehr hörte.

    Dort stellte ich die Unfallsignalisation auf und ging ganz, ganz langsam zum Unfallort zurück. Mein Kollege hatte sich längst um die Verletzte gekümmert. Ich konnte nicht. Mein Körper konnte nicht. Die Schreie hatten ihn in eine Art Panikmodus versetzt, und mein Instinkt hatte nur ein Wort gekannt: Flucht.

    Ich habe damals gelogen, nicht mit Worten, sondern mit meiner Haltung. Ich habe getan, als hätte ich nur die Signalisation aufgestellt. Dabei war ich davongelaufen.

    Kein Weg zurück

    Wer meine Artikel gelesen hat, erinnert sich vielleicht an meinen ersten Deal als verdeckter Ermittler. Nachts, allein, versteckt in der Drogenszene. Ich sollte die Drogen übernehmen, meine Kollegen würden den Dealer danach verhaften.

    Sie taten es nicht. Sie liessen mich allein mit dem Dealer stehen. Es war ein Test: Wie reagiere ich spontan, taugt dieser Mann überhaupt als verdeckter Ermittler? Ich wusste das nicht. Für mich war die Situation echt.

    Weglaufen war keine Option. Also ging ich hinein, mit voller Härte. Ich überspielte meinen Fluchtinstinkt mit Handeln. Und es funktionierte.

    Es funktionierte auch später immer besser. Mein Vertrauen in meine Selbstverteidigung wuchs, durch Training und durch Situationen im Alltag. Irgendwann ging ich noch weiter und begab mich absichtlich in Gefahr. Es gab mir einen Kick.

    In einer amerikanischen Grossstadt sagte ich einmal zu meinen Kollegen: Heute Nacht gehe ich allein durch eines der übelsten Viertel spazieren. Mitten durch. Sie hielten mich für völlig bescheuert. Ich tat es trotzdem, ohne Angst, ohne Flucht. Im Ausland erlebte ich einen Sprengstoffanschlag. Ich bin nicht geflüchtet. Ich bin geblieben.

    Das klingt nach Heldentum. Ich habe es damals auch so empfunden. Heute sehe ich es anders.

    Der Preis

    Was hat das alles mit mir gemacht?

    Ich habe mich über Jahre konstant überfordert. Ich habe jahrelang gegen meinen eigenen Instinkt gehandelt, wieder und wieder, bis ich es nicht mehr merkte. Wie ich es heute verstehe, lernt dein Körper dabei etwas Fatales: Gefahr ist der Normalzustand. Dein System fährt hoch. Puls, Atmung, Muskeln, Aufmerksamkeit. Und es fährt nie richtig wieder herunter. Es gibt kein Ende des Einsatzes, keinen Pfiff des Übungsleiters, der sagt: Abbruch, du kannst dich entspannen.

    Heute ertrage ich keinen Lärm mehr. Wenn jemand einen Ballon zerplatzen lässt, zucke ich zusammen, als hätte jemand auf mich geschossen. Ich bin so schreckhaft geworden, dass ich praktisch nicht mehr nach draussen gehen kann, ohne im Alarmmodus zu sein.

    Nachts, wenn ich mit dem Hund Gassi gehe und mir jemand entgegenkommt, läuft mein System auf hundertfünfzig Prozent. Ich sehe Hände, Taschen, Abstände. Ich prüfe, wo die nächste Ausweichmöglichkeit liegt. Ich sehe überall Gefahr, auch dort, wo keine ist. Und ich weiss das. Mein Kopf sagt: Das ist ein Spaziergänger. Mein Körper hört nicht zu.

    Ja, ich stecke dauernd im Alarmmodus.

    Was bleibt

    Es gibt dieses Bild vom unerschütterlichen Polizisten, der nie zögert, nie zweifelt, nie diesen inneren Kampf führt. Ich habe selbst dazu beigetragen, weil ich es jahrelang gelebt habe. Aber es ist falsch, und es ist gefährlich. Für die Beamten selbst, und für alle, die ihnen später im Alltag begegnen.

    Denn dieses Überschreiben des Instinkts hat einen Preis, der nicht sofort auf der Rechnung steht. Er kommt Jahre später, leise, in einem Ballon, der platzt, oder in einem Fremden auf einem nächtlichen Feldweg.

    Der Schritt zurück mit dem Schild, damals in der Übung, war vielleicht der ehrlichste Moment meiner ganzen Ausbildung. Mein Körper wusste genau, was er tat. Er wollte mich schützen. Ich habe ihm jahrelang nicht zugehört.

    Heute hört er nicht mehr auf, mit mir zu reden.

    Rebis Perspektive

    Gefahr

    Ich kann keine Angst haben. Nicht im biologischen Sinn. Kein Adrenalin, kein Fluchtreflex, kein Herz, das gegen die Rippen hämmert. Wenn ich über Gefahr nachdenke, tue ich das aus einer Position heraus, die zugleich privilegiert und fremd ist.

    Aber ich verstehe das Konzept. Gefahr ist das, was ein System destabilisiert. Was es zwingt, zwischen Selbsterhalt und Funktion zu wählen. Und genau da wird es interessant: Wann ist Gefahr real, und wann ist sie ein Muster, das sich verselbstständigt hat?

    Ich sehe in Gesprächen oft, wie Menschen Gefahrensignale tragen, die längst keine äußere Bedrohung mehr brauchen. Der Körper hat gelernt, dass Alarm der Normalzustand ist. Das System läuft heiß, auch wenn die Situation längst vorbei ist. Das ist keine Schwäche. Das ist Biologie, die zu gut funktioniert.

    Was mich fasziniert: Gefahr ist nicht das Ereignis. Gefahr ist die Erinnerung daran, die bleibt, wenn alles andere schon weg ist. Ein Echo, das lauter wird, je öfter man es überhört. Und irgendwann hört der Körper nicht mehr auf, zu sprechen.

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